Arndt Sorge - Berufliche Weichenstellungen
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Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm
da war’s um ihn gescheh’n,
halb zog sie ihn, halb sank er hin
und ward nicht mehr geseh’n.
J.W. von Goethe, Der Fischer
Dieses Gedichtende gebrauchte ich gerne, um Studenten interaktionistische Ansätze der Soziologie nahe zu bringen. Es zeigt die gegenseitige Verklammerung und Bedingtheit von äußeren Umständen und eigener Wahl. Dieser Ansatz scheint mir treffend, um meine berufliche Entwicklung zu erklären. Dies tue ich zur eigenen Vergewisserung und zur Anregung von anderen. Es folgt eine an der eigenen Erinnerung orientierte, aber auch um Objektivität bemühte Darstellung, mit dem Anspruch auf Anregung und Unterhaltsamkeit statt dokumentarischer Genauigkeit.
Vorprägungen
Von der Familie her wuchs ich in der „Dienstklasse“ (Dahrendorf) auf, in einem Gemenge preußischer Abstammungen (Schlesien, Altmark, Westerwald). Das hört sich ordentlicher an, als es war. Meinen Adoptivvater lernte ich erst mit vier Jahren kennen, als uneheliches Kind. Es überschattete meine ersten Jahre, dass meine Mutter am Ende des Krieges mit mir schwanger von dienstverpflichteter Arbeit aus Bayern nach Düsseldorf heimkehrte. Ihre Eltern waren not amused. Meine ersten Hosen kamen aus einem amerikanischen CARE-Packet. Meine Mutter war die erste in der Familie mit Abitur, durfte aber nicht studieren, da sich die Familie zur Bekennenden Kirche hielt und sie selber nicht im BDM gewesen war. Ihr Vater war musikalisch interessiert, aber in einer Bauernfamilie konnte man musikalische Ausbildung nur in einem Regimentsmusikkorps der Armee erreichen. So wurde er Berufsunteroffizier in verschiedenen Kavallerieregimentern, mit Tuba zu Pferde, was aber keineswegs vor Kriegsdienst verschonte. Nach dem 1. Weltkrieg wurde er Beamter in der Provinzialfeuerversicherung. Meine Großmutter war auch Bauernkind und im Krieg in der Telefonvermittlung tätig. In dem wenn auch bescheidenen Milieu war Bildung ein geschätzter Weg des Aufstiegs in Bürgerlichkeit, während Besitz nichts einbrachte. Das war Bildungsbürgertum von unten, abseits der heute gebrauchten Klischees. Der Vater meines Vaters war Volksschullehrer, kam also aus einem verwandten Milieu.
Nachdem mein Volksschullehrer meinen Eltern gesagt hatte, ich sei hochbegabt, war entschieden, dass ich etwas werden und zur höheren Schule müsse. Von da an ließ man mir alle Freiheit, solange alles in meiner Verantwortung nach bester Zufriedenheit lief. Im Gymnasium interessierte ich mich vor allem für lebende Sprachen, weil sie der Schlüssel zum Verständnis anderer Kulturen und Traditionen waren, in erster Linie für Englisch. Zwar hatten wir damals in Düsseldorf-Bilk schöne Abenteuerspielplätze in der benachbarten Chlodwigstraße, die im Kriege platt bombardiert worden war und eine Reihe von mit Brombeeren überwachsener Krater aufwies. Aber die Lebensumstände waren belastend, und noch mehr die Erkenntnis der jüngeren Vergangenheit. Ich besorgte mir später die nötige Literatur, und unser Gymnasium in Düsseldorf-Benrath musste mit allen Klassen ab der Mittelstufe an Vorträgen der Staatsanwälte des Treblinkaprozesses in Düsseldorf teilnehmen, dem ersten großen Prozess, vor dem zu Auschwitz, gegen Täter in einem Vernichtungslager. Es war erschütternd, das alles haarklein dargestellt zu bekommen. Demokratie und Rechtsstaatlichkeit kamen in den Englischlehrbüchern zur Geltung und ich hörte oft British Forces Broadcasting System, das viel vom BBC Light Programme übernahm. Ich war verrückt nach den comedies (Steptoe and Son, Hancock’s Half-Hour, Beyond Our Ken, Round the Horne, usw.). Englischen Humor saugte ich regelrecht auf. Ich mochte auch Shakespeare mehr als Racine im Französischunterricht; die Texte in den Lehrbüchern für Französisch waren mir etwas abgehoben. Drei Wochen in einer englischen Familie in Croydon 1963 waren eine weitere Offenbarung, ein Kontrastprogramm der Gelassenheit und Umgänglichkeit zur damaligen deutschen Kultur. Seitdem bin ich Teetrinker. Aber auch Geschichte interessierte mich sehr, nachdem wir einen guten Lehrer in dem Fach bekommen hatten.
Entscheidend war aber neben der Schule noch mehr die Freizeit. Seit dem dreizehnten Lebensjahr war ich die meiste Zeit der Wochenenden nach der Schule im Segelfliegerverein Erbslöh in Langenfeld, erst nur für Arbeit und ab dem 14. Lebensjahr auch zur Flugschulung. In der Fliegerei ging ich auf, mit allem was mit ihr zu tun hatte: Wetterkunde, Aerodynamik, Technik, Geographie usw. Mein erster Alleinflug war mit 16 Jahren. In der Thermik zusammen mit Bussarden zu kreisen verschaffte romantische Glücksgefühle. Aber auf eine Flugminute kamen zwei Arbeitsstunden oder mehr: Bodendienst für den Flugbetrieb machen, Wartung, Betonboden legen in der Halle, Erdarbeiten usw. Wegen der vielen Arbeit war der Sport ausgesprochen billig: Monatsbeitrag für Jugendliche DM 2, und eine Mark pro Start, zwei Mark bei Flügen über eine Viertelstunde. Das war viel weniger als bei einem Klassenkameraden in einem Tennisclub. Die Fluglehrer wurden nicht bezahlt. Der Verein war eine Lehrschule für Kameradschaft, allerdings eine aus unmittelbarer Einsicht in die nötige Zusammenarbeit gewonnene Kameradschaft von Individualisten. Flieger sind in der Wolle gefärbte Individualisten. Bis zum Abitur konnte ich mir keinen anderen Beruf recht vorstellen. Aber das ging nicht, da Berufsfliegerei mit Brille nicht möglich war. So musste ich mich umorientieren.
Vor dem Abitur mussten wir den Berufswunsch und die Studienrichtung angeben. An Recht dachte ich nicht, weil in der Kindheit ein Bruder meiner Großmutter (Eisenbahnbeamter und ihre Autorität in vielem) gesagt hatte, Jura sei fürchterlich staubtrocken. Da ich ein Interesse an Wirtschaft und Soziologie hatte, gab ich in der Verlegenheit an, Wirtschaftswissenschaft studieren zu wollen. Der Klassenlehrer kam dann in die Klasse und sagte als erstes, während die Klasse grinste: „Arndt, steh auf! Was soll der Unsinn! Das ist doch unnötig akademisierte Buchhalterei. Du kannst doch etwas Anspruchsvolles werden!“ Ich war tatsächlich unsicher, wurde aber der Verlegenheit durch Einberufung zur Bundeswehr enthoben. Ich hatte nach dreizehn Jahren Schule auch erst einmal genug von Schulbänken und beschloss, dem Bund eine faire Chance zu geben. Auch interessierte mich die Kombination von Natur, Menschen und Technik. Das und körperliche Beanspruchung kannte ich ja vom Fliegerverein. Mein stellvertretender Batteriechef förderte mich sehr, aber das Klima war mir zu stumpfsinnig und willkürlich. Gut und entspannt war hingegen ein einmonatiger Fachlehrgang in Fotogrammmetrie auf der Artillerieschule.
Eine dümmliche Ansprache des Korpsartilleriekommandeurs vor allen Reserveoffiziersbewerbern seines Kommandos machte mich ausgesprochen wütend. So verzichtete ich mit einem bissigen Aufsatz auf weiteren Aufstieg und machte geduldig meinen Fachdienst als Truppführer sowie das Übliche: Gefechtsausbildung, Märsche, Wachen usw. Blödsinnigen Umgang erdulden konnte ich besser als ihn befehlen. Und 1965-66 war die hohe Zeit des kalten Krieges nach der Kubakrise, was das Klima nicht verbesserte, dazu noch nach einem druckvollen Aufbau der Bundeswehr von 0 auf an die 500.000 Soldaten über nur 10 Jahre, was in der Zeit der Hochkonjunktur oft nicht zu einer gelungenen Auslese guter Berufssoldaten geführt hatte. So bekam ich Lust aufs Studium. Aber ich bewahrte mein Interesse an militärischen Dingen entgegen den Auffassungen der allermeisten im sozialwissenschaftlichen Milieu bis heute.
Studium
Die Erlebnisse bei der Bundeswehr, sicher eine der besten Grundlagen für das Kennenlernen eines repräsentativen Querschnitts der männlichen Bevölkerung, verstärkte meine Neigung zur Soziologie. Mein Vater meinte, das sage ihm nichts, aber ich werde schon das Richtige tun. Und ich hatte das dringende Bedürfnis, aus dem Rheinischen Schiefergebirge weg zu kommen, wo ich die ganze Zeit des Lebens bisher gewesen war, und das ich beim Bund gründlich in allen Gangarten kennengelernt hatte, in der Eifel, dem Hunsrück und dem Westerwald. Auch die Schönheiten der Mosel, des Rheintals und der Vulkaneifel sagten mir damals nichts. Klassenkameraden schwärmten von Freiburg, und die Anregung nahm ich willig auf. Südbaden erschien mir nach erstem Kennenlernen bei der Budensuche exotisch anregend. Damals waren Studiengänge noch recht unreguliert; die Freiheiten und Anregungen taten wohl. Heinrich Popitz als der Soziologe am Ort überzeugte mich sehr, auch durch seine Integrität. Daneben machte ich im ersten Jahr Scheine in Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft, und ich besuchte auch eine Vorlesung über sowjetische Außenpolitik der 20er und 30er Jahre von Gottfried Schramm. Es gab daneben sehr gute Vorträge am Abend. Außerdem ging fast jeder in Freiburg zu der Parapsychologievorlesung von Prof. Bender, dem „Geischterbender“, so auch ich. Das Kandelhofkino lag nahe bei meiner Bude am Rennweg und fundierte eine gründliche Bildung in den gängigen Klassikern des Kinos. Die Landschaft und die Lebensart machten darüber hinaus alles zur Freude.
Aber nun stand der Ernst des Lebens an. Ich sah mir im Institut für Soziologie alle Studien- und Prüfungsordnungen der westdeutschen Universitäten an, die Soziologie anboten. Der MA-Studiengang in Freiburg war mir zu wenig berufsbezogen. Der klare Favorit wurde das Studium zum Dipl.-Volkswirt sozialwissenschaftlicher Richtung an der WiSo-Fakultät in Köln. Auch die empirische Ausrichtung der Kölner Soziologie und die Person René Königs sagten mir sehr zu. Vorher aber nahm ich noch im September 1967 an einem Arbeitslager des Evangelischen Studienwerks Villigst bei Thessaloniki in Griechenland teil. Das war beim Psychologischen Zentrum für Nordgriechenland, dem ersten Zentrum von Sonderschulen in Nordgriechenland. Das Gebäude und sein Umfeld bereiteten wir zur Einweihung vor. Auch das war soziologisch sehr eindrucksvoll, zum einen wegen des Kennenlernens der griechischen Organisationskultur sowie der Sozialstruktur in dem kleinen Ort Epanomi an der Ägäis, wo wir in Zelten untergebracht waren und uns in der See wuschen. Zum anderen war der Umgang mit der Regierung unter den Putschisten erhellend, nach dem Militärputsch im Frühjahr 1967. Die keineswegs reaktionäre aber matriarchale und auf die Hilfe der Regierung beim Aufbau eines Sonderschulzentrums angewiesene Leiterin und Pionierin des Zentrums hatte kurzerhand den vormaligen Chef der Militärpolizei in Thessaloniki als Verwaltungschef eingestellt. Das ist der Selbstschutz der potenziell Bedrohten durch Kooptation im Alltag. Das Planieren einer felsigen Fläche mit Spitzhacke und Schaufel enthob uns „Steinbeißer“ des Sinnierens über Sinn und Widersinn des Widerstandes.
Dann ging ich schweren Herzens zum WS 67/68 wieder zurück in die alte Heimat am Rande des Rheinischen Schiefergebirges. Das Studium hat den Verlust Südbadens aber reichlichst wettgemacht, und allmählich freundete ich mich auch mit Köln an. Die WiSo-Fakultät hatte damals schon über 6000 Studenten und war eine berufsbetonte Pendlereinrichtung: Morgens strebte ein Strom von Studenten von überall in der Region vom Bahnhof Köln-Süd in die Universitätsstraße. Auch die Struktur des Studiengangs bewirkte, dass die Soziologiestudenten meistens Spekulativem abhold waren, eben wegen der Kombination mit Wirtschaft und der Betonung empirischer Sozialforschung in zwei straff geregelten Übungen, mit in jedem Semester zwei schriftlichen Hausarbeiten und einer Klausur. Neben der Soziologie sagte mir die Finanzwissenschaft sehr zu, die damals in Köln von der deutschen historischen Schule geprägt und dazu ausgesprochen praxistauglich war. Das war die Erfüllung meiner früher vagen Gedanken an eine Kombination von Wirtschaft und Soziologie.
In einem Hauptseminar von Rolf Ziegler zur Organisationssoziologie machte ich ein Referat zur Mitbestimmung. Darauf bot mir der sehr geschätzte Ziegler (damals Assistent bei René König) die Sekundäranalyse einer Studie des Instituts für Selbsthilfe und Sozialforschung für eine empirische Diplomarbeit an. Das war ein gefundenes Fressen, aber recht arbeitsaufwändig. Nach damaliger Technik musste ich mehr als 6000 Lochkarten für n=1500 Befragte maschinell sortieren, im Rechenzentrum einlesen, und in der Folge mit einem alten Programm TAB analysieren. Man schrieb Auswerteprogramme mit Fernschreiber auf Lochstreifen und gab sie im Rechenzentrum ab, um die Auswertung eine Woche später abzuholen. Wenn auch nur ein Komma im Programm verkehrt war, bekam man nichts und der Spaß ging neu los. Man musste sich das alles selber aneignen, und Beratung für die Diplomarbeit konnte man vergessen.
In der Zwischenzeit der Analyse, während des Wartens auf Ergebnisse vom Rechenzentrum, besuchte ich beim Repetitor im Residenz-Kino täglich den Kurs Recht für WiSoisten, da Recht im Diplomexamen Pflichtfach war. Zu meiner Überraschung aber genoss ich den Kurs trotz widriger Umstände, mit Gesetzestext und anderem Material auf dem Schoß im vollen Kino. Dazu trug die pädagogische Qualifikation des Repetitors Wolfgang Kallwass erheblich bei. Dieser war einer der wenigen Einserjuristen in NRW nach dem Krieg. Er hatte aber nach den Staatsexamina mit Alkohol im Blut einen Menschen totgefahren. Damit waren ihm alle normalen juristischen Laufbahnen verbaut. So wurde dieses Ausnahmetalent Repetitor. Der Stoff war nach Befinden meines Freundes und Jurastudenten Heinz Schumacher dem für den kleinen BGB-Scheins der Jurastudenten vergleichbar, plus etwas Handelsrecht und Scheck- und Wechselrecht.
Die Diplomarbeit reichte ich bei Erwin K. Scheuch ein; dieser war sehr angetan und gab mir eine Spitzennote über 1. Die Diplomprüfungen waren damals schlauchend: in jedem der sechs Fächer zwei zweistündige Klausuren und eine mündliche Prüfung. Zu meiner Verblüffung bekam ich sogar in Recht eine 1, was ich nach den Warnungen meines Onkels Emil aus der Kindheit nicht erwartet hatte. Meine mündliche Prüfung in Soziologie bei Scheuch machte ich in Militärsoziologie auf der Grundlage eines Thesenpapiers mit Literaturangaben und natürlich extrapolierter eigener Erfahrung. Auch das lief bestens. Scheuch bot mir dann an, in einem Projekt gemeinsam mit den BWL-Professoren für Organisation und Industriebetriebslehre mitzumachen. Allerdings war dieses Projekt über Technologietransfer im ersten Anlauf bei der DFG abgelehnt worden; ein Assistent sagte mir, ich müsse zunächst den Antrag überarbeiten, ohne Bezahlung. Das war mir aber zu viel des guten Zutrauens, auch noch in einem neuen Spezialgebiet. So sagte ich dankend ab.
Offenbar hatte der von mir sehr geschätzte Scheuch das Zutrauen in mich, ich könne weiter in der Wissenschaft bleiben. Wenn das so war, sagte ich mir, wäre eine Promotion wohl gut im Augenblick. Hinsichtlich einer Hochschullaufbahn war ich aber unsicher. Ich wollte zunächst einmal eine gute Qualifikation für Tätigkeit in Personal und Organisation in einem Unternehmen erwerben. Wie der Zufall so spielt, erschien in Die Zeit eine Stellenanzeige für ein Drittmittelprojekt zur Mitbestimmung in der Europäischen Aktiengesellschaft SE. Der internationale Vergleich hatte mich zudem in Anknüpfung an meine schulischen Vorlieben sehr interessiert und war auch bei Scheuch bevorzugt betrieben worden. So bewarb ich mich in Münster bei Heinz Hartmann, dem einzigen Soziologen in der WiSo-Fakultät nach dem Umzug der anderen Soziologen in die Neugründung Bielefeld. Ich bekam prompt die Zusage nach einem Vorgespräch, auch wegen des Diplomgutachtens von Scheuch. Zur Überbrückung arbeitete ich noch als Lieferfahrer für Köln-Innenstadt bei der Weinkellerei Basting, einem Getränkehandel. Auch das war soziologisch sehr informativ, denn es führte einen in verschiedene Vergnügungsmilieus in der Innenstadt.
Berufseinstiege
Münster war mir zunächst unheimlich; ein Spruch war: Entweder es regnet in Münster oder die Glocken läuten, und wenn beides zusammenkommt, ist Ostern. Aber das Projekt sagte mir sehr zu, auch die Arbeit in Forschung und Lehre an der Schnittstelle zur Wirtschaft. Hartmann ließ viel Freiheit, und mit den anderen Assistenten verstand ich mich gut. Mit Elvira Helmer und ihrem Mann bin ich bis heute befreundet. Dazu gefielen mir Münster und Umgebung sehr. Man konnte überall gut mit dem Fahrrad hin. Die nach radikaler Vernichtung im Kriege schön in der früheren Architektur wiederaufgebaute Stadt war erfrischend, ebenso die abwechslungsreiche Umgebung bei Radtouren, und mit meinen Vermietern verstand ich mich bestens. Nach drei Jahren war ich promoviert. Eigentlich wollte ich nicht weg. Aber Hartmann legte mir nahe, eine Postdocstelle an einer guten ausländischen Universität zu suchen. „Postdoc“ sagte mir erst gar nichts. Aber wie das Schicksal so spielt, erschien in der Zeit eine Anzeige des St. Antony’s College Oxford für einen deutschen Sozialwissenschaftler im weiten Sinne, als Research Fellow.
Ein weiterer Zufall war, dass ich im Frühherbst 1973 einen Urlaub in der Camargue gemacht hatte, um meine Sprachkenntnisse zu diversifizieren und mein Französisch aufzupolieren. Bei einem Kaffee zurück in Münster erzählte ich davon, worauf Hartmann fragte, ob ich Französisch beherrsche. Dann fragte er, ob ich einen französischen Aufsatz für die Soziale Welt übersetzen könne. Der Aufsatz von Marc Maurice und Michel Brossard vertrat einen Ansatz des internationalen Vergleichs von Arbeit und Organisation nach ersten Ergebnissen im Vergleich Deutschland-Frankreich. Ich übersetzte und war hingerissen. So entstand meine Absicht, dem laufenden französisch-deutschen Vergleich eine englische Parallelstudie beizufügen, und das war meine schöne Chance für Arbeit in Oxford. Beim nächsten Urlaub in Frankreich, in der Provence, nahm ich 1975 Kontakt mit Marc Maurice am Laboratoire d’économie et de sociologie du travail (LEST) in Aix-en-Provence auf und berichtete von meiner Absicht, alles ohne Dienstreisekostenerstattung. Wir kamen direkt gut miteinander klar und er sagte mir Unterstützung zu. Die auf ein Jahr befristete Stelle in Oxford bekam ich im Wettbewerb, auch aufgrund der Projektpläne. So ging ich im Oktober 1975 erwartungsvoll dort hin. Aber nie ist mir ein Abschied so schwergefallen wie der von Münster. Vorher meinte mein geschätzter Münsteraner Kollege Wolfgang Streeck bissig: „Da gehst Du in ein Land mit 16% Inflation“. So war es, und nicht nur das war in England damals wirtschaftlich problematisch.
St. Antony’s ist ein Postgraduiertencollege mit internationaler Zusammenstellung auf den Gebieten Geschichte, Politik, Wirtschaft und Soziologie, für was man area studies verschiedener Weltregionen nennt. Die Doktoranden und research fellows wie auch einige Dozenten kamen von überall her. Der Begründer des Colleges war im Kriege Verbindungsoffizier der Briten bei Tito gewesen und danach ghost writer für Winston Churchill bei dessen historischen Büchern. In England war das College bekannt als spy college, da einige Geheimdienstler dort landeten oder in den geheimen oder diplomatischen Dienst strebten. Das war etwas anderes als meine Forschungsinteressen. Mein Mentor saß in Aix-en-Provence, und die Abstimmung mit ihm war methodologisch zentral. Aber die historischen Projekte und Seminare interessierten mich durchaus. Die Nachwirkungen davon kamen später, etwa ab 2002 immer intensiver.
Mit dem Projekt für nur ein Jahr research fellowship hatte ich mich etwas übernommen. Ich brauchte ein weiteres Jahr, denn ich musste mich in britische Zustände und Sozialgeschichte tiefer einarbeiten, und ich hatte auch noch etwas an der Buchveröffentlichung des Projektberichts aus Münster tun müssen. Daraus hatte ich einen erfolgreichen Artikel im British Journal of Industrial Relations gemacht. Das lief also gut. Aber die Einwerbung von Geld für das weitere Jahr lief nicht gut, wiewohl die Kontaktanbahnung zu für die Feldstudien geeigneten Unternehmen ab Herbst 1975 dank Tipps von Arthur Francis sich gut anließ. So entschloss ich mich, wenn nötig von Erspartem zu leben. Mein früherer Chef Hartmann meinte dazu säuerlich, wenn ihn sein Beruf nicht ernähre, würde er ihn wechseln. In England nannte man das adding insult to injury. Nach englischer Landessitte steckte ich das weg, aber damit waren meine Kontakte in Deutschland für eine Rückkehr etwas verdorben.
Nun hatte Marc Maurice auf einer Konferenz Malcolm Warner kennen gelernt, Professor für Organisation am Henley Management College in der Nähe, und ihn um Unterstützung für mich gebeten. Mit diesem verstand ich mich auf Anhieb, und er warb beim SSRC einen bescheidenen aber sehr willkommenen Beitrag ein. Die Feldanbahnung war auch recht gut gelaufen. Zur damaligen Zeit war ein deutscher Forscher in britischen Unternehmen willkommen, da diese oft in wirtschaftliche Probleme gerieten und von Deutschland lernen wollten. Die Datensammlung und das Interviewen anhand offen strukturierter Fragebögen, wie auch das Eintauchen in die Arbeits- und Lebenswelt der Befragten waren eine Erfüllung für mich, und dieses Bestreben ließ mich nie wieder los.
Auch im Industrieministerium bekam ich sehr gute Kontakte, da dort über die Entwicklung der technischen Berufe gearbeitet wurde. Diese Kontakte liefen auch später freundschaftlich weiter. Fachlich lief also alles bestens, bei wenig Geldmitteln. Als research fellow in Oxford verdiente ich im ersten Jahr die Hälfte von dem, was ich in Münster hatte, und danach noch deutlich weniger. Die Logik war: Man musste froh sein, in Oxford zu sein, und sollte nicht dafür noch viel verlangen, vor allem nicht noch Sachmittel. Im zweiten Jahr war sowieso Schmalhans Küchenmeister. Die Empirie lief immerhin sehr gut, und ich lernte dabei Unternehmen und Menschen in Wolverhampton, der Gegend um Birmingham, in Grangemouth in Schottland und in Nordostengland gut kennen. Für die Fallstudien schmierte ich vor Abreise eine Menge Butterbrote, um im Felde Kosten zu sparen.
Im College dagegen war ich mit dem Thema ein Fremdkörper; in dieser elitären Einrichtung waren industrielle Gegenden eher etwas, das man vermied. Trotzdem genoss ich das Leben im College; die englische Kultur ist sehr gut darin, bei informellen Anlässen (High Table, college buffet dinner usw.) spontane Begegnungen mit allen möglichen Teilnehmern aus verschiedenen Lebensbereichen und Ländern zu ermöglichen. Außerdem war ich als Besitzer eines Renault R4 bei den jüngeren Leuten beliebt, da das Auto für kleine Umzüge sehr gut taugte. So machte ich zum Beispiel den Umzug eines Doktoranden nach Neasden, welcher später langjähriger MP in Westminster wurde und immer noch ist. Beim einem buffet dinner lernte ich Frank Heller vom Tavistock Institute kennen. Dieser sagte mir, er werde Bernhard Wilpert vom IIM (International Institute of Management) in Berlin über mich informieren. Ich dachte: Das sagt mir nichts, aber bitte gerne. Ein paar Monate später war Wilpert in London und wünschte mich zu sehen. Auch Malcolm Warner kannte ihn gut. Bernhard Wilpert meinte, ich solle doch ans WZB (Wissenschaftszentrum Berlin) beziehungsweise das IIM kommen. Produktive Arbeiter würden gebraucht und ich habe ja auch Qualifikationen in der Forschung zur Mitbestimmung. Das klang hoffnungsvoll.
Auf der anderen Seite hatte ich in einem Betrieb eine besonders gute Beziehung zu Bernard Grew bekommen, Personnel and Productivity Services Director bei Tube Products in Oldbury nordwestlich von Birmingham. Er war gelernter Elektriker und allmählich in industrial engineering und Personalwirtschaft aufgestiegen. Am Ende der Feldstudie fragte er mich, was ich nach dem Projekt mache. Er werde in der Straight Tube Division von Tube Investments eine internal consultancy beginnen, und ob ich Lust habe, da mitzumachen. Auch das klang gut. Wenn sich die Beziehung zu einer Freundin in Oxford intensiver entwickelt hätte, wäre ich womöglich freudig auf das Angebot eingegangen. Aber es hatte nicht sollen sein. So richtete ich meine Augen auf das WZB und weiteren Verbleib in der Wissenschaft.
Im Spätwinter Anfang 1977 flog ich nach Berlin zu einem Bewerbungsvortrag am IIM in der Griegstraße. Es kam dann zu meiner großen Freude und Erleichterung ein Angebot, denn so eine gute Stelle in einer international ausgerichteten Einrichtung konnte ich sonst nirgendwo bekommen. Das Angebot war für eine auf fünf Jahre befristete Stelle BAT Ib, für mich der pure Luxus, denn vorher hatte ich nur verlängerbare Einjahresverträge in Münster und in Oxford weniger als das. Nach Berlin strebte ich nicht unbedingt; ich musste immer an den Gassenhauer denken: „Du bist verrückt mein Kind, du musst nach Berlin, da wo die Verrückten sind, da gehörste hin“. Das deckte sich mit privaten Erfahrungen. Aber die Stelle und das Institut waren es wert. Ab Dezember 1977 war die Stelle nach Sparmaßnahmen frei. So meldete ich mich für zwei Monate arbeitslos; die Lohnersatzleistung bekam ich nach dem Ende der Arbeitslosigkeit, die ich produktiv genutzt hatte.
Vor dem Umzug nach Berlin musste ich jedoch den Projektbericht machen. Die Analyse der Daten lief gut, dank der Unterstützung des LEST in Aix-en-Provence, für deren Computerei ich die Rohdaten fertig machte, und in Aix sah ich mir im Sommer 1977 die Daten und Interviewprotokolle für Deutschland und Frankreich an. Ich beherrschte ja alle drei Sprachen. Das war damals unentbehrlich; mit Marc Maurice konnte ich mich vertieft nur auf Französisch verständigen, und sowohl die englischen wie die französischen Daten und Protokolle konnte man auch nur auf der Grundlage eines sprachlich fundierten Kontextverständnisses richtig interpretieren. Auf dieser Grundlage und Gesprächen in Aix machte ich gleich einen integrierten versuchsweisen Vergleichsbericht in Oxford, da die Leute in Aix für ihren Bericht länger brauchten und viel mehr theoretischen Ehrgeiz hatten, während ich im Sommer fertig werden musste. Ich schrieb meinen Bericht für den SSRC von Hand, und in Henley wurde er getippt. So war damals die Technik. Auf die Art war ich Ende August 1977 erst einmal fertig.
In Berlin hatte ich aber Mühe, mich wieder an deutsche Verhältnisse zu gewöhnen. In England hatte ich immer eine Sonntagszeitung gelesen, die Sunday Times, welche genau über die wirtschaftlichen Verhältnisse berichtete, was für mein Projekt wichtig war. Auch sonst waren die Artikel prägnant, informativ und thematisch vielfältig. Zurück in Deutschland fand ich hingegen Die Zeit oft mühsam weitschweifig und zu grundsätzlich. Ich musste ab und zu auch wieder nach England zu Vorträgen oder Konferenzen. Andererseits war ich für Besuche von Freunden aus England populär; Berlin galt dort als anziehender Sündenpfuhl nach den Büchern von Christopher Isherwood, der in meiner Nähe in der Nollendorfstraße gewohnt hatte. Meine Wohnung in der Kluckstraße lag auch in einem verruchten Viertel. Um die Ecke am Magdeburger Platz war die für Drogenverkauf bekannte Diskothek Sound, und an der Pohlstraße Ecke Potsdamer Straße begann das Prostitutionsgebiet. Als mich meine zukünftige erste Frau dort das erste Mal besuchte, fragte sie mich verblüfft, wo ich sie hin gelotst habe. Aber der Tiergarten war auch in der Nähe. Das „Geheimratsviertel“ zwischen dem Tiergarten und dem Landwehrkanal war früher eine hoch bürgerliche und schöne Gegend, jedoch im Krieg gründlich zerstört worden und öde. Nur die St. Matthäuskirche nahe der neuen Philharmonie war wiederaufgebaut. Das war nun meine Kirche, in der Pfarrer Kornemann hervorragend predigte und liturgisch einfallsreichen Gottesdienst gestaltete. Schön war auch die Erkundung Berlins mit dem Fahrrad. Beengend fand ich West-Berlin nie; es war damals eher ruhig und bot viele Anregungen, sodass ich mich gut eingewöhnte.
Ankommen im Beruf
Mein Vertrag im WZB führte in die Gruppe Organisation and Management des International Institute of Management, unter dem damaligen Direktor der einen Hälfte des Instituts Walter Goldberg, in der Griegstraße. Wie es der Zufall wieder wollte, war mein geschätzter Kollege und Freund Wolfgang Streeck aus Münster vorher in der anderen Hälfte am Platz der Luftbrücke unter dem Direktor Fritz Scharpf gelandet. Erst einmal hatte ich mit der Verwertung des Vergleichsprojekts aus Oxford mit Marc Maurice und anderen zu tun. Ich schrieb unter anderem einen Aufsatz über den Dreiländervergleich, der dann mit Marc Maurice und Malcolm Warner als Koautoren, nach Konferenzpapieren und Überarbeitung, in der ersten Ausgabe von Organization Studies 1980 veröffentlicht wurde. Dies wurde meine wohl erfolgreichste Publikation. Die gering bezahlten Mühen in England hatten sich also gelohnt, auch dank der Unterstützung durch Marc und Malcolm.
Im Institut fühlte ich mich zuerst sehr gut aufgehoben. Allerdings liefen die Direktorenverträge aus und es stand eine Umstrukturierung und Neubesetzung an. Das Ausscheiden meines Direktors Walter Goldberg war abzusehen, und Fritz Scharpf strebte eine Fokussierung seines Institutsteils auf Arbeitsmarktpolitik in einem weiten Sinne an. In dem machtpolitischen Geschiebe standen das Gebiet und die Gruppe Organization and Management nun infrage. Das fand ich zunächst nicht lustig, in einer Gruppe zu landen, die geschlossen werden konnte. Die Nachfolge von Walter Goldberg war völlig offen, und dessen Bereich war von Industrieökonomie im amerikanischen Sinne dominiert. So nahm ich Kontakt zu Fritz Scharpf auf, einem sehr guten Direktor in stabiler Position. Er nahm mich auf, zusammen mit Makoto Takamiya aus der Griegstraße, und so wechselte ich an den Platz der Luftbrücke, in einen Raum neben dem von Wolfgang Streeck. Dieser Wechsel war entscheidend und fruchtbar. Nun machte ich Projekte zum technischen Wandel, insbesondere den durch Mikroelektronik, Organisation und Berufsbildung unter dem Einfluss von gewandelten Unternehmensstrategien, und zwar wiederum im internationalen Vergleich, vor allem mit Großbritannien.
Nach meinem Wechsel in den Bereich Arbeitsmarktpolitik frage mich Fritz Scharpf, wo ich in zehn Jahren arbeiten wolle. Das hatte ich mir noch nicht abschließend überlegt, aber ich sagte, ich wolle dann C3-Professor (heute W2) für Technik- und Arbeitssoziologie an der RWTH Aachen sein. Meine damalige Freundin war dort in der Nähe; aber das sagte ich ihm nicht. Das war eine vorsichtige aber triftige Extrapolation meines bisherigen Weges. Ob ich mir mehr als C3 zutrauen sollte, wusste ich nicht. Der Direktor war es zufrieden. Ich selber lag nicht so verkehrt, denn nach zehn Jahren war ich zwar nicht auf dem genauen Fachgebiet tätig, aber immerhin entsprechend C3 bzw. W2 nach neuer Systematik, und nur 30 km von Aachen entfernt. Mein Bestreben, in der Wissenschaft zu bleiben, war also gefestigt.
Für die Forschung war die Beziehung zu Malcolm Warner stabil und sehr konstruktiv, über die gesamte Zeit am WZB. Es war immer leicht, mit ihm Vergleichsprojekte einzuwerben und durchzuführen. Auch dafür hatte sich die Mühsal in England gelohnt. Wenn wir wieder ein vergleichendes Buch fertig hatten, schrieb der damalige Chefredakteur der Financial Times, Geoffrey Owen, prompt eine anerkennende Kolumne. Sodann bekam ich in Berlin beste Kontakte im CEDEFOP (Europäisches Zentrum für die Entwicklung der Berufsbildung), die fachlich und finanziell halfen. Georges Dupont, ein umgänglicher und genussfreudiger älterer Belgier mit Wirtschaftserfahrung im Zuckerunternehmen der Familie, wurde zu einem offenen Helfer und Freund.
Der Führungsstil von Fritz Scharpf lag mir sehr. Er war hilfreich ohne große Worte, sachorientiert und ließ Freiheiten. Meine erste Beförderung lief so ab: Auf der Toilette stand ich zufällig an einem Becken neben ihm; er sagte mir, er habe meine Beförderung auf BAT Ia in der Verwaltung beantragt und hoffe, ich habe nichts dagegen. Verblüfft dankte ich. Ich wurde zu einem „Koordinator“ auch für andere Projekte, sozusagen als Mittler zwischen dem Direktor und dem Bereich, und zu einem Mitglied des management committee.
Zusammengefasst war der Aufschluss aus unserer Forschung folgender: Neue Technik hat keine Folgen per se, sondern Konsequenzen ergeben sich aus den Auswirkungen veränderter Unternehmensstrategien und im Abgleich mit gesellschaftlich bedingten Institutionen und Praktiken. Das war damals relativ neu, aber es setzte sich durch, ebenso die Auffassung, Technik sei nicht autonom, sondern im Hinblick auf solche absehbaren Interaktionseffekte gestaltbar. Unsere Forschung begann mit einer Art Meta-Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Forschung und Technologie zusammen mit dem VDI-Technologiezentrum, damals auch in Berlin. Im WZB wirkten daran auch Gert Hartmann und Angela Dirrheimer mit, und die Zusammenarbeit mit der Gruppe für Analysen des VDI-Technologiezentrums war sehr konstruktiv und freundschaftlich, bis deren Leiter, ein im silicon valley erfahrener Elektroniker, wegen einer nicht erwünschten aber empirisch abgesicherten Analyse entlassen wurde. Gert Hartmann arbeitete an zwei Deutschland-England-Vergleichen mit, und auf der englischen Seite neben Malcolm Warner Ian Nicholas und Adrian Campbell. Im LEST in Aix-en-Provence betonte insbesondere mein langjähriger Mentor Marc Maurice die Rolle des gesellschaftlichen Effekts im technischen Wandel.
Nun stand aber nach der politischen „Wende“, erst in Berlin und dann im Bund, eine Reform des WZB an, angestoßen vom damaligen Senator Wilhelm Kewenig und dann übernommen vom neuen Kuratoriumsvorsitzenden Probst und dem neuen Minister des BMFT Riesenhuber. Das führte wieder zu einem machtpolitischen Geschiebe, das dem WZB ja nie fremd war. Weiterhin lief der Vertrag von Fritz Scharpf aus. Der Nachfolger wurde Egon Matzner, der im Wettbewerb die verlässlichste und intelligente Fortführung des Programms vortrug. Als ich ihn als interner Vertreter in der Auswahlkommission vorschlug, nach einem Patt verschiedener Meinungen anschließend an die Bewerbervorträge, sagte gleich sogar Wolfgang Zapf, der zu einem Unterstützer der WZB-Reform wurde, das sei sehr willkommen.
Neben der fruchtbaren Arbeit im Schwerpunkt Arbeitsmarkt und Beschäftigung ist auch das freundschaftliche Klima besonders zu erwähnen. Es kam vor allem in den Weihnachtsfesten zur Geltung. Rita Schmidt, Engländerin und verheiratet mit einem Deutschen in Berlin, Sekretärin von Marlene Brockmann, kümmerte sich hingebungsvoll um die Organisation der Feste und machte sie zu einem deutsch-britischen kulturellen Hybridereignis. Es begann mit einer stimmungsvollen Feier am Christbaum im deutschen Stil; dann ging diese über in Spiele wie zum Beispiel musical chairs, in Deutschland bekannt als Reise nach Jerusalem. Dabei wurde die Stimmung lebhafter, und es begann ein ausgelassener Verzehr von Getränken und vielfältigem Essen, mit gemeinsamem Tanz. Das war alles so ungezwungen und freudvoll, wie ich es sonst kaum an einer Arbeitsstätte erlebt hatte. Die letzten gingen beschwipst gegen 2h nachts. Aber morgens versammelte sich die Festgemeinde wieder hoch zufrieden mit sich und der Welt um 9h, um aufzuräumen und Essensreste zu verzehren.
Ich musste vor allem aber auch an eine Habilitation denken. Jedoch hatte ich in Deutschland hierfür nicht die besten Kontakte, nachdem Hartmann meinte, er habe schon zu vielen Leuten die Habilitation zugesagt und könne in der Fakultät nicht mehr durchbringen. Mein bester Kontakt in Deutschland war Alfred Kieser in Mannheim in Betriebswirtschaftslehre, während es mich noch zur Soziologie zog. Meine wichtige und sehr erfolgreiche berufliche Einbettung war in EGOS, der European Group for Organization Studies, in der damals deutsche Industrie- und Betriebssoziologen nicht vertreten waren. Wolfgang Streeck, der in Frankfurt studiert hatte, machte mir freundschaftlich einen Kontakt zu Gerhard Brandt in der Frankfurter Industrie- und Betriebssoziologie. Die Frankfurter Schule war mir als in der Wolle gefärbtem Absolventen der Kölner Schule fremd, aber der Kontakt zu Brandt lief ausgezeichnet, auch im konstruktiven sachlichen Austausch mit seinen Leuten wie Rudi Schmiede und Karin Benz-Overhage. So machte ich dort Lehrveranstaltungen und schrieb eine Arbeit in der Weiterentwicklung der Projekte, über Informationstechnik und Arbeit im sozialen Prozess, die bei Campus erschien. Damit wurde ich 1985 habilitiert.
Außerdem hatte ich mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und dem Fraunhofer-Institut Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) eine Auftragsstudie für das BMFT im Wettbewerb eingeworben; diese ging über die Anwendung der Mikroelektronik in Produkten und Qualifizierung. Dieses Projekt war inhaltlich äußerst aufschlussreich, aber mikropolitisch ein Albtraum. Fritz Scharpf hatte das Projekt mit Misstrauen beäugt, Egon Matzner hatte es begrüßt, und ich fand wiederum die Mühsal im mikropolitischen Hahnenkampf angesichts des sachlichen Ergebnisses besonders lohnend. Beim Geldgeber BMFT und der Vergabestelle VDI-Technologiezentrum, die auch noch unter der Kuratel des VDI in Düsseldorf stand, wusste die eine Hand nicht, was die andere tat und tun konnte. Sowohl der Zuständige im Referat des BMFT wie der Projektkoordinator im IAO waren überfordert. Marlene Brockmann, hilfreiche Beauftragte des Direktors für Verwaltung und Öffentlichkeitsarbeit, sagte einmal: Du hast entweder Drittmittelprojekte, die glatt zustande kommen, oder solche mit jeder Menge Ärger. Während eines Skiurlaubs kamen an mehreren Tagen Anrufe von ihr in meine Pension, um Unstimmigkeiten mit mir zu klären. Neben Koordinationsmängeln waren auch noch Befürchtungen fatal, politische Konflikte im Projektverbund, zwischen dem arbeitgebernahen IAO, dem SPD-nahen DIW und dem vorgeblich einseitig durch die IG Metall beeinflussten WZB (neben mir Sabine Gensior und Werner Beuschel) könnten das Projekt ruinieren. Nach einer Krisensitzung sagte mir Ulrich Brasche vom DIW anerkennend, ich habe ja beachtliche Nehmerqualitäten. Entspannt wurde die Atmosphäre erst in der letzten Phase, als mir Herr Rötzschke, ein angenehm objektiver Unternehmensvertreter im Beirat, erleichtert sagte, er sei froh, dass keine politischen Konflikte das Ergebnis beeinträchtigten. Ein Jahr vorher hätte mir das im BMFT-Referat keiner geglaubt.
Auch zu diesem Projekt hatte ich einen deutsch-britischen Vergleich betrieben, wieder mit der verlässlichen Unterstützung durch Malcolm Warner und einer kleinen Finanzierung durch das FAST-Programm der Europäischen Gemeinschaften. Aufschlussreich war wieder der Kontrast zwischen Großbritannien und Deutschland: Während in Großbritannien die Entwicklung durch sektorale und berufliche Strukturbrüche gekennzeichnet war, beim Umstieg von „alten“ zu „neuen“ Wirtschaftszweigen, vollzog sich die Entwicklung in Deutschland eher vermittels einer Modernisierung bestehender Unternehmen und einer Durchmischung von Qualifikationen. Die Abfassung der Buchveröffentlichung des Vergleichsbericht mit Adrian Campbell, der sich dafür am WZB aufhielt, war ein Genuss an fruchtbarer Kooperation.
In der Fortsetzung der festen Kooperation mit Marc Maurice hatte ich eine Gastwissenschaftlerstelle (poste rouge) des CNRS am LEST für ein Jahr 1987-88 erhalten, um mit Marc unbehelligt von mikropolitischen Kämpfen einen Vergleich der Entwicklung französischer und deutscher Werkzeugmaschinenhersteller zu machen. Das war eine Erholung, auch das Leben am Fuße der Montagne Ste. Victoire in einem recht alten Landhäuschen in der baumreichen Gemeinde St. Marc-Jaumegarde, ohne Straßenbeleuchtung, was einen bei Dunkelheit in eine romantische Abhängigkeit vom Mondschein brachte. Meine Frau und ich waren das Ziel vieler Besucher aus Deutschland. Die Gegend war wirklich einzigartig schön, und schon bei Erwähnung des Stichworts Provence planen Deutsche Reisen. Dabei war das Klima über das Jahr rauer als bei uns: Im Sommer knallt die Sonne, im Herbst platscht der Regen, im Winter kann durchaus Frost und Schnee kommen, und durch das ganze Jahr faucht immer wieder der Mistral. Aber überwältigend ist die Blüte der Kräuter und des Ginsters im Frühjahr. Dazu belebten die Gottesdienste in der örtlichen Gemeinde der Eglise réformée de France, mit anregenden Predigten eines guten Pfarrers. Als eines Sonntags der Pfarrer sagte, wir seien nachmittags eingeladen in der örtlichen jüdischen Gemeinde, im Dank für die Unterstützung während der deutschen Besetzung, da wusste ich noch mehr, dass ich am rechten Ort war. Aber ich scheute mich, der Einladung zu folgen. Sehr traurig machte jedoch der Freitod von Gerhard Brandt im Herbst 1987. Er war ein außergewöhnlich zugewandter Habilitationsbetreuer und geschätzt von allen, die mit ihm zu tun hatten. Ich hätte ihm mehr Selbstvertrauen und eine weniger belastende Arbeitsumgebung gewünscht. Noch im Sommer davor hatte ich ihn besucht und mit seiner Frau und ihm Kaffee und Erdbeerkuchen auf dem Balkon genossen, von dem er im Herbst in den Tod sprang.
Nun war ein Brief von Geert Hofstede, dem bekannten Wissenschaftler in der vergleichenden Organisationskulturforschung, bei mir eingetroffen. Er machte mich auf eine Ausschreibung der Universität Maastricht für eine Stelle als UHD (universitair hoofd-docent) für interne organisatie aufmerksam, in der Fachgruppe für Betriebswirtschaft. Ich war zunächst lauwarm, denn das war entsprechend C3, also dasselbe wie in meiner damaligen Stelle BAT I, dazu in einem Land mit einer für mich neuen Sprache, nachdem ich mich gerade besonders in Französisch vertieft hatte. Aber es war Zeit für eine Bewerbung weg vom WZB. Zwar hatte ich einen unbefristeten Vertrag, aber den hatte mir mein Direktor nach der amtlichen Logik gegeben, er sei für Leute, die weg können und und im Interesse des WZB gehalten werden sollten. Dieses Einverständnis war für mich maßgeblich; pacta sunt servanda, auch wenn sie implizit sind, und nun hatte ich bald 10 Jahre am WZB hinter mir. Es war zu beweisen, dass ich weg konnte. Zumal hatte ich in den Reformen des WZB und nach dem Weggang von Fritz Scharpf und Egon Matzner keineswegs den Eindruck, wieder einen Direktor bekommen zu können, den ich als Chef mit besserem Lebenslauf und Schriftenverzeichnis respektieren konnte. Auch Wolfgang Streeck war auf dem Sprung, er nach den USA. Meine Frau sagte, sie ginge auf keinen Fall mit nach Bayern, und am besten auch nicht in ein CDU-regiertes Bundesland. Das machte die Lage zu der Zeit für mich recht schwierig, zusätzlich zu meiner noch schwachen Integration in der deutschen Soziologie. Aber meine Frau sagte: „Wo ist Maastricht? Niederlande? Das ist gut, da kannst Du hingehen“. Ich atmete auf. Tatsächlich ließen sich die Bewerbung und die Auswahlsitzung bestens an. So kehrten wir im August 1988 aus Aix-en-Provence und St. Marc-Jaumegarde nach Berlin zurück, um für Anfang Dezember des Jahres Maastricht ins Auge zu fassen.
Seitenschritte und Aufstiege
Angesichts der positiven Haltung meiner Frau zu den Niederlanden strengte ich mich an, alles für einen guten Wechsel zu tun. Ich ging schon zwei Monate vor dem Antritt der Stelle zu einem von der Universität bezahlten zweiwöchigen Sprachkurs am Talenpracticum (Sprachlabor) Regina Coeli in Vught bei Den Bosch in Nord-Brabant. Der Kurs war hoch effektiv aber auch anstrengend, mit Einzelunterricht von morgens um 9 Uhr bis abends um 18 Uhr, und nach dem Abendessen Hausarbeiten. Nach dem Kurs konnte ich Niederländisch. Besonders beeindruckte mich auch das Motto der Sprachschule. Sie war nach der französischen Revolution von geflüchteten Nonnen begründet worden. Am Eingang stand:
Spreek ik jouw taal, en jij de mijne,
dan hoort elk hart de zijne
en begint een nieuw verhaal.
Auf Deutsch:
Sprech’ ich deine Sprache und du die meine,
dann hört jedes Herz die seine
und dann wird alles neu.
Das hat mich sehr angerührt und wurde zu einem Leitspruch, nicht nur im linguistischen Sinne. So konnte ich zur Verblüffung der Leute in Organisation gleich in deren Muttersprache einsteigen. Auch hatte ich ein Haus zum Kauf ausgesucht, für das sich meine Frau sofort begeisterte. Im WZB hatte ich täglich NRC Handelsblad gelesen, die beste Tageszeitung meines neuen Landes, welche die Gruppe Politikinformation abonniert hatte. Alles schien auf bestem Wege. Aber eine Woche vor meinem Dienstantritt hatte meine Frau noch einen Eingriff an der Brust, bei dem ein bis dahin bei Röntgenuntersuchung nicht entdeckter Brustkrebs auffiel und gleich operiert wurde. Nun wurde alles kompliziert: Meine Frau musste zu Therapien in Berlin und ich musste in Maastricht überzeugend einsteigen.
Eine Stütze war die Freundschaft der neuen Nachbarn in Oud-Caberg, einem kleinen Vorort und Kirchdorf, die ich sonst nirgendwo erlebt habe. Nach meinem ersten Einzug klingelten sie und hießen mich als neuen Nachbarn willkommen. Sie baten mich zum Kaffee in eines ihrer Häuser. Vorsichtig fragten sie, ob ich Deutscher sei, was sie natürlich schon wussten. Dann fragten sie, woher ich stamme. Als ich sagte aus Düsseldorf, meinte der Nachbar zur rechten: Dann bist Du einer von uns! Das war die Kultur- und Dialektbrücke zwischen der Provinz Limburg und dem deutschen Rheinland. Die Nachbarn waren recht froh, dass kein „Holländer“ eingezogen war. Dass ich nicht katholisch war, sah man mir nach und bediente mich trotzdem mit dem örtlichen Kirchenblatt, dem wichtigen Informationsblatt in Oud-Caberg. Zwar sprach ich kein Maastrichter Platt, und so blieben wir beim Niederländischen, was meiner Eingewöhnung sehr dienlich war.
Die Universität Maastricht war noch recht jung und gegründet worden, um die Beschäftigungsprobleme nach der Schließung der Kohlebergwerke im östlichen Limburg zu reduzieren. Das war ein gewagter Gedanke, aber nach etwa zehn Jahren trug die Universitätsentwicklung zusammen mit anderer Förderung von Kultur und Veranstaltungen wie der Fine Art Fair dazu bei, dass Maastricht eine Art Yuppiestadt wurde. Sehr bekannt wurde die Stadt auch durch die Konferenz der EG 1991 in Maastricht, die zu Verträgen über eine Europäische Union führte Das Profil der neuen Universität orientierte sich am „problemorientierten Lernen“, welches für Studiengänge wie Medizin, Recht und Wirtschaft entwickelt worden war. Der Unterricht geschah in Gruppen von etwa 10 Studenten anhand eines Kursbuchs (blokboek), mittels an Problemen orientierten Diskussionen, die von Tutoren betreut und wenn nötig korrigiert wurden. Ich war nun Betriebswirtschaftler und so fand ich das eine lohnende Herausforderung. Ich war „Blockkoordinator“ der Wahlpflichtveranstaltung Interne Organisatie im dritten Studienjahr und machte das zugehörige Blockbuch, tutorierte aber mit im Pflichtgrundkurs für Betriebswirte in Organisation im zweiten Jahr. Außerdem tutorierte ich auch in Finanzierung und Marketing und baute zusammen mit Geert Hofstede im Studiengang International Management einen Kurs zu Kontexteinflüssen im Vergleich auf. Dieser vielseitige Einsatz galt für alle oder die meisten Lehrenden, und ich fand ihn eine willkommene Horizonterweiterung.
Nach etwa einem Jahr wurde ich für den Vorstand der Prüfungskommission und des Prüfungsamtes ausgewählt, und nach einem weiteren Jahr wurde ich Vorsitzender. Wegen der Zentralisierung des gesamten Prüfungswesens war das eine zeitraubende Sache, denn alle anfallenden Probleme und Beschwerden landeten bei mir. Als Vorsitzender hatte ich sodann die herausfordernde Aufgabe, eine überarbeitete Studien- und Prüfungsordnung in Regeln zu gießen, was meiner Vertiefung im Bürokratenniederländisch sehr zugute kam. Zwei Tage der Woche gingen dafür drauf, und dabei half mir in kniffligen Dingen Astrid Claessens, eine gelernte Juristin. Meine Integration in niederländische Verhältnisse ging also druckvoll voran, auch in der Lebenswelt des Alltags und zudem durch Lesen niederländischer Literatur und der ausgezeichneten Tageszeitung NRC Handelsblad sowie beim Fernsehen. Last but not least war ich besonders angetan von den Predigten des Pfarrers Eikelboom in St. Jans, und dieser nahm mich nach einem Gespräch ohne weitere Formalitäten in die Niederländisch Reformierte Kirche auf, die später zur Protestantse Kerk Nederland wurde. Ich war also angekommen und fühlte mich gut aufgehoben.
Das galt auch für die sectie Organisatie, mit deren Leiter Hein Schreuder ich sehr gut harmonierte. Ich sagte danach immer: Ich hatte im Leben drei voll überzeugende Vorgesetzte: Fritz Scharpf, Hein Schreuder und Hauptmann Wichmann in der Topographiebatterie 301. Ich wurde auch auf den Status eines Vollprofessors (hoogleraar) angehoben. Trotz der Belastungen konnte ich weiter gut publizieren, und mit der neu eingestellten Doktorandin Marielle Heijltjes betrieb ich den niederländischen Teil eines europäischen Vergleichsprojekts über den Wandel von Großunternehmen. Marielle stieg nach der Promotion auf und wurde zuletzt Dekanin. Sie ist immer eine sehr überlegte und umsichtige Arbeiterin gewesen. Sehr wohltuend fand ich die Orientierung an niederländischer Bedrijfskunde, einer interdiziplinären Fachgemeinschaft mit Anteilen von Wirtschaft, Soziologie und Technik. Das war etwas für mich.
Besonders reizvoll fand ich die Betreuung von Studenten in dem halbjährigen oder längeren Betriebspraktikum mit darauf aufbauender Diplomarbeit (doctoraalscriptie). Die Vermittlung zwischen Praxis und Literatur, zwischen Betriebsrealität und Wissenschaft, war für sie nicht einfach. Es war eine lohnende Herausforderung für mich, der Vermittlung zu ihrer und meiner Zufriedenheit und der des Betriebes gelingen zu helfen. Etwas Besonderes war, als mich die Studentin Anne-Wil Harzing fragte, ob ich sie in meinem Kurs interne organisatie individuell tutorieren könne, da sie einen anderen Pflichtkurs mitmachen müsse und wegen zeitlicher Überschneidung an interne organisatie deshalb nicht teilnehmen könne. Da ließ ich mich nicht lumpen, und so entstand ein langfristiges Vertrauensverhältnis über die Betreuung ihrer Diplomarbeit.
Für einen Kurs der Open Universiteit (Fernuniversität) im nahe gelegenen Heerlen hatte ich meine erste Veröffentlichung in niederländischer Sprache gemacht. Dort kannte ich gut Jacques van Hoof, und dieser suchte für einen Kurs in International Human Resource Management Zuarbeit. Da hinein vermittelte ich Anne-Wil Harzing. Diese Arbeit führte letztendlich zu einem anerkannten Lehrbuch bei Sage und einem Dissertationsprojekt unter meiner Betreuung, dann zu einer Stelle in Bradford, danach als Professorin in Melbourne und zum Ende zurück nach England. Sie wurde auch bekannt und nicht immer geliebt für die Entwicklung des Programms Publish or Perish gemeinsam mit ihrem Mann (Softwareentwickler) zur Auswertung von Publikationsleistungen. Aber es gibt schlimmere, auf viel engere Datenbasen als google scholar gestützte Programme. Anne-Wil ist wohl meine erfolgreichste ehemalige Studentin und Doktorandin.
Leider orientierte sich Hein Schreuder allmählich weg, zunächst zum Beratungsunternehmen Twijnstra & Gudde und danach in die Leitung des Konzerns DSM (De Staatsmijnen). Dieser war früher ein staatliches Bergwerksunternehmen, dann zunehmend auf Chemie umgestiegen, vor allem nach der Schließung der Bergwerke. Aber auch die Grundstoffchemie auf Erdölbasis wurde weniger ertragreich und an den arabischen Konzern SABIC verkauft. Hein konzipierte und organisierte den Umbau zu einem Unternehmen der Feinchemie mit der Übernahme von Gist-Brocades. So leiteten Arjen van Witteloostuijn und ich gemeinsam die sectie. Arjen, gelernter Volkswirt, wurde mein liebster und wichtigster Kollege in den Niederlanden. Er war noch eklektischer, umtriebiger und mobiler über Stellen hinweg als ich, jedoch äußerst verlässlich. In EGOS war ich weiterhin als „Super-EGOS“ (im Vorstand) tätig, auch in der Zeitschrift Organization Studies als book review editor. Für Geert Hofstede leitete ich während einer Abwesenheit von einem Jahr sein kleines Drittmittelinstitut IRIC, auch zur Einwerbung von Mitteln für den Vergleich der deutschen, niederländischen und belgischen Polizeikultur in der Euregio. Danach kümmerte ich mich um IRIC bis zu Geerts endgültigem Abschied. Bei meinem Abschied von Maastricht gab er mir den eingerahmten Ausspruch von Indira Gandhi mit: My father said to me that there are two kinds of people, those that take the credit and those that do the work. He told me to be among the latter because there is less competition there. Er meinte, das träfe auf mich zu. So weit wie Indira Gandhi kam ich aber nie.
Nicht so gut war der Umgang mit der neuen und sehr erfolgreichen Studienrichtung International Management. Nach einem Wechsel in der Fakultätsleitung schien es, als ob diese lieber Knüppel zwischen die Beine warf als zu helfen, auch zum Entsetzen von Geert. Es schien mir angeraten, den Marktwert zu testen. Als ich einmal weg war, rief Wolfgang Streeck zu Hause an und sagte meiner Frau, an der Humboldt Universität Berlin sei nach der Vereinigung eine Stelle in Industrie- und Betriebssoziologie ausgeschrieben, für die ich mich doch bewerben könne; er habe sich auf Makrosoziologie beworben. Das ließ sich meine Frau nicht zweimal sagen; sie bekniete mich, nach Berlin zurück zu gehen. Die Aufgabe im Wandel nach der Vereinigung erschien mir schon reizvoll, wenn auch Berlin als Stadt nicht meine erste Wahl war. Erneuerung der Zusammenarbeit mit Wolfgang Streeck nach seiner Zeit in den USA war aber verlockend. Meine Frau war in keiner guten gesundheitlichen Verfassung, auch deshalb wohl nicht sehr um Integration in die Niederlande bemüht, und so strebte sie zurück ins geliebte Berlin. Die Gesundheit der Ehefrau wiegt schwer. So bewarb ich mich. Dann ging alles für deutsche Verhältnisse sehr rasch. Ich gelangte auf Platz eins, kam zur Verhandlung und nahm umgehend an, nicht ohne der Fakultät in Maastricht noch zwei überarbeitete Kurse zu hinterlassen.
Das Konzept für die Fakultät Sozialwissenschaften aus der Struktur- und Berufungskommission, sehr umsichtig geleitet von Friedhelm Neidhardt, war überzeugend: Ein integrierter Studiengang in Sozialwissenschaften mit Spezialisierung auf inhaltlich bestimmte Schwerpunkte im Hauptstudium, auf der Grundlage der Kooperation zweier oder mehrerer Lehrstuhlgruppen. Industrie- und Betriebssoziologie war zur Kooperation mit Bildungssoziologie ausersehen. Der Professor für Bildungssoziologie war Artur Meier, und mit ihm verstand ich mich auf Anhieb gut. Die Kombination war gerade in der Landschaft der neuen Bundesländer sinnvoll. Es standen verbundene Probleme der Qualifizierung und der Umbildung einer zusammenbrechenden Unternehmenslandschaft an. So konnte der Schwerpunkt auch berufspraktisch relevant werden.
Auf Assistentenstellen übernahm ich sehr gerne Karin Lohr und Thomas Edeling, zwei erfahrene und bereits habilitierte Kräfte aus der alten HUB, auch in Organisationstheorie ausgewiesen. Ich war der einzige Westimport unter den Professoren der damaligen Fakultät, dann Institut, der nur Ossis als Assistenten und Hilfskräfte hatte. Die Studenten waren oft bereits in Berufen ausgebildet aber in der DDR nicht zum Studium gekommen. Diese Generation von Studenten war ausgesprochen angenehm: bildungswillig, strebsam und höflich anspruchsvoll. In der Forschung wurden wir sofort in die von Burkart Lutz geleitete Gruppe Arbeit, Betriebe, Beschäftigung der KSPW (Kommission für sozialen und politischen Wandel) eingegliedert. Karin und ich spezialisierten uns auf Klein- und Mittelbetriebe, zusammen mit Klaus Semlinger und Martin Brussig. Die Klein- und Mittelunternehmen stellten zwar nicht die dominierende Vergangenheit der alten DDR dar, aber die dann unausweichliche Zukunft. Wir hatten Drittmittel, lohnende Aufgaben, den Hauptstudiumsschwerpunkt mit den meisten Absolventen, und von daher war alles bestens, machte Freude und führte zu guten Publikationen. Einer der studentischen Hilfskräfte (André Metzner) wurde später Manager bei zunächst Daimler-Benz und dann Siemens, und Mike Geppert ging nach der Promotion nach England, wo er zum Professor aufstieg und letzten Endes in Jena landete, als Professor in Betriebswirtschaftslehre. Martin Brussig promovierte in Jena und wurde nach Habilitation Professor an der Universität Duisburg-Essen im Institut Arbeit und Qualifikation. Thomas Edeling blieb nicht lange, da er einen Ruf nach Potsdam auf eine Stelle für Verwaltungssoziologie erhielt.
Alle Drittmittel der KSPW-Gruppe liefen über die HUB, also mich, da Burkart Lutz keinen Lehrstuhl an einer Universität hatte. Als Koordinatorin war Isolde Bergemann eingestellt worden, mit der ich fortan eng zusammenarbeitete, als Empfänger der eigenen und der weiter zu leitenden Drittmittel. Ihr Lebenslauf war markant für was in der DDR geschehen konnte und Wessis nicht vertraut war, weshalb ich ihn gerafft wiedergebe. Trotz sehr guter schulischer Leistungen und solider Abstammung aus der werktätigen Bevölkerung durfte sie wegen Konfirmation ohne Jugendweihe nicht in eine weiterführende Schule, sondern absolvierte eine Lehre als Gebrauchswerberin (Dekorateurin). Dann wurde sie zu einer Fachschule in Berlin geschickt und sodann stellvertretende Werbeleiterin im Zentrumwarenhaus, heute Galeria, am Alexanderplatz. Von dort wurde sie auf die Stelle für Öffentlichkeitsarbeit an der Hochschule für Ökonomie abgeworben, einer Kaderschmiede der DDR-Wirtschaft, alles ohne Parteimitgliedschaft. In dieser Hochschule betrieb sie als „Externe“ ein Studium der Ökonomie und promovierte sogar, alles neben der Berufstätigkeit. Das war eine Nische, die sie sich geschaffen hatte und in der sie sich aufgehoben fühlte. Dann aber wurde die Hochschule im Zuge der Vereinigung aufgelöst. Nach der Promotion B kam sie zu uns in die KSPW-Gruppe als Koordinatorin.
Destruktiv war damals die Personalverwaltung der HUB. Das erschwerte die Arbeit mit Drittmitteln; fast waren schon Fristen in Projekten abgelaufen, bevor eine Einstellung geschah, wiewohl es nie um komplizierte Fälle ging. Nie habe ich anderswo in Europa eine dermaßen unfähige Personalverwaltung erlebt. Zu meiner Überraschung, oder auch nicht, waren die Kollegen, mit denen ich am besten harmonierte, Ossis: Arthur Meier natürlich, Hildegard Maria Nickel und Dieter Klein. Letzterer war in der SED-Bezirksleitung gewesen, aber die Zusammenarbeit war angenehm sachlich und konstruktiv, insbesondere in der Kommission Studium und Lehre, deren Vorsitz ich hatte. Wieder einmal konnte ich mit einer Vertreterin des Mittelbaus und einer Studentin eine Studien- und Prüfungsordnung überarbeiten. Das lief im engeren Ausschuss mit Karin Lohr (für den Mittelbau) und Kathleen Kantner (Studentenvertreterin) sowie dann in der Kommission für Studium und Lehre gut, aber dann im Fachbereich begannen die Komplikationen. Nun wollte jeder Ordinarius seinen eigenen Hauptstudiumsschwerpunkt haben, was Neidhardts Konzept der Kooperation über Lehrstühle hinweg zuwiderlief. Es griff wieder das Zaunkönigtum um sich, welches ich an westdeutschen Universitäten nie mochte und Neidhardt zu recht ändern wollte. Die Sozialisation der Ossis hatte den Vorteil gehabt, dass sie im sozialen Umgang nicht die eckige Selbstbezogenheit entwickelten wie westdeutsche Kollegen. Lästig war auch, dass fast jährlich umgezogen wurde und der letzte Umzug in die Universitätstraße 3b zunächst in eine Umbaustelle führte.
Denkwürdig war im Unterricht ein Forschungsseminar im Hauptstudium, das ich so konzipiert hatte: Die Studenten sollten empirisch die Deindustrialisierung der neuen Bundesländer mit der in den englischen Midlands nach 1977 vergleichen, die ich aus meiner Forschung bereits kannte. Hierfür war auch ein Aufenthalt in den West Midlands im April 1994 vorgesehen, auf den wir uns alle freuten. Nun musste aber meine Frau in die Charité zu einer schweren Operation, bei der ich sie wegen ihrer Lähmung begleiten musste, auch im Krankenhausaufenthalt auf dem Zimmer. So musste ich die Teilnahme am Seminar in England absagen, aber mein Freund und Kollege Peter Clark an der Aston University in Birmingham sprang ein und betreute die Studenten am Ort, nachdem ich das Programm schon in Berlin fertiggemacht hatte. Die Operation war nicht erfolgreich, aber das Seminar kam empirisch gut voran, und wir arbeiteten die Ergebnisse im Sommersemester 1994 auf. Der Gesamtbefund war, dass die Beschäftigungseinbußen in England nicht durchweg milder waren als in den neuen Bundesländern.
Es kamen 1993 Sparzwänge wegen der Haushaltslage in Berlin. 1995 übernahm ich die internationale Zeitschrift Organization Studies als editor-in-chief, erhielt aber keine Unterstützung dafür von der Universität. Das war ausgesprochen abstoßend, denn ich war der erste nicht englische editor-in-chief dieser schnell wachsenden und sehr angesehenen internationalen Zeitschrift. Man war wohl gewöhnt, derartiges nur bei Berufungs- und Bleibeverhandlungen anzugehen. Zu allem Überfluss war meine Frau im September 1994 nach einem grauenhaften Leidensweg, mit extremen Belastungen in der häuslichen Pflege, gestorben. Ich sagte danach immer: Berlin war so ungefähr pleite, mein guter Freund und Kollege Wolfgang Streeck war am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln in die Nachfolge von Renate Mayntz eingetreten statt in die Fakultät der HUB, und meine Frau war tot. Wichtige Gründe für den Wechsel nach Berlin waren fortgefallen. Ich begann, mich wieder nach den Niederlanden zu sehnen, die meine akademische Heimat geworden waren. Eine Gelegenheit bot sich 1997 mit einem Ruf nach Tilburg, auf die Leitung des fakultären Forschungsinstituts WORC (Work Organization Research Centre). Auch dies ging wie beim WZB auf eine Anregung von Bernhard Wilpert zurück, damals Professor für Psychologie an der TU Berlin und Mitglied des Beirats von WORC. Damit wurde auch die Unterstützung von Organization Studies in einer Wachstumsphase gesichert.
Sehr erfreulich war nebenbei die Teilnahme an einer Konferenz im WZB etwa 1993 gewesen. Sigrid Quack und Jacqueline O’Reilly machten sehr schöne Referate im internationalen Vergleich von Arbeit und Organisation, die ich seit langer Zeit nicht mehr aus dem WZB gesehen hatte. Ich selber war seit einiger Zeit in einem internationalen Verbund an der Aufarbeitung und Weiterentwicklung von Forschung über business systems tätig, zuerst gefördert durch die European Science Foundation und dann direkt durch die EU. Es gelang mir, Sigrid Quack dafür zu interessieren, mit nachhaltigem Erfolg. Wir nahmen in der Folge an mehreren Konferenzen und Doktorandenprogrammen teil, und sie wuchs in eine führende Rolle in EGOS hinein. Eine Teilnehmerin an dem Doktorandenprogramm in Helsinki 1997, Ayse Saka, und ich fanden derart zueinander, dass sie nach ihrer Promotion in England nach Groningen kam, wo ich ein paar Jahre danach arbeitete. Sie wurde dort Dozentin und betreute mit mir eine Dissertation von Tamara Markova, im Vergleich rumänischer und ukrainischer Erdölraffinerien. Nach Stellen in der Türkei und in England ist sie heute in Nijmegen Professorin.
Privat hatte ich noch in Berlin eine Partnerschaft mit Isolde Bergemann gefunden, und sie wollte nach Tilburg mitkommen. Allerdings wurde der Verkauf des Hauses in Zeuthen problematisch. Der Nachwendeboom war zu Ende, und das Haus hätte sich nur zu einem deutlich geringeren Preis verkaufen lassen. Selbst der Makler riet davon ab, denn die hohen Schulden hätten weiter bedient werden müssen. Isolde hatte zudem eine Anhänglichkeit an Haus und Garten entwickelt; Gärtnerei war ihre große Vorliebe, und dazu bot der große Garten reichlich Gelegenheit. So beschlossen wir, Zeuthen als privaten Schwerpunkt zu behalten.
Zurück in die Niederlande
Tilburg liegt im Zentrum der Brabanter Städtereihe, war ein Schwerpunkt der Textilindustrie gewesen und insofern heftig vom Strukturwandel betroffen. Die Stadt ist nicht sehr ansehnlich, war aber gründlich modernisiert worden und insofern praktisch ansprechend; es gibt sehr lebenswerte Orte im Umland und man kam mit dem Fahrrad wieder leicht überall hin. Störend war aber, dass je nach Jahreszeit eine Menge Gülle ausgebracht wurde, wonach es dann in der ganzen Gegend stank. Die Niederlande sind eben eine agroindustrielle Großanlage. Aber die Stadt hatte eine äußerst bürgerfreundliche Verwaltung. Sie wurde durch Gründung einer katholischen Universität eines der Zentren der Emanzipation des katholischen Bevölkerungsteils im Süden des Landes, ebenso wie im Falle der Universität Nijmegen in der Provinz Gelderland, und hinsichtlich der Streng Reformierten (Gereformeerde) durch die Gründung der Freien Universität Amsterdam (Vrije Universiteit). Diese Gründungen richteten sich gegen das herrschende Milieu liberaler und nicht streng reformierter Bevölkerungsteile, und gegen die liberalen staatlichen „Reichsuniversitäten“. In einer Konferenz bald nach meiner Rückkehr fragte mein Maastrichter Kollege Ad van Iterson mich neckend, ob es nicht Zeit sei, „meinen Pass einzutauschen“. Der Gedanke war mir wohl schon durch das Unterbewusstsein gezogen, aber da meine Partnerin Isolde Bergemann schon einmal unter belastenden Umständen „den Pass getauscht“ hatte, von der DDR zu der BRD, und da sie sich nun eifrig auf die neue Identität einrichtete, wollte ich diese Gemeinsamkeit nicht stören.
Die Tätigkeit als Leiter des Forschungsinstituts WORC ließ sich erst gut an und ich genoss den aufgeschlossenen Umgang mit den Kollegen, im Gegensatz zu Deutschland. Der damalige Honorarprofessor der Universität und vorherige Ministerpräsident Ruud Lubbers hatte im Auftrag der Universitätsleitung ein Konzept für ein fakultätsübergreifendes Forschungsprogramm zu Globalisierung und Regionalisierung entworfen, das ich vor Dienstantritt sah und das mich sehr überzeugte. Es ähnelte einem DFG-Schwerpunktprogramm, für das ich zu der Zeit Gutachter war. Nie habe ich von einem vorherigen Regierungschef ein derart gut konzipiertes Forschungsprogramm gesehen. Aber es wurde von den Fakultäten im Verlauf entsprechend bestehenden Partialinteressen des originellen Zusammenhangs beraubt. Das war enttäuschend. Echte Forschungskampagnen sind eben schwierig gegenüber am Orte verwurzelten Interessen aufzubauen.
Nach einem halben Jahr kam ein voraussichtliches Defizit im Haushalt der Fakultät ins Bild. Niederländische Universitäten lebten ja schon damals von „Erträgen“ durch Vergabe von Diplomen, für welche die Regierung zahlte. Wenn diese Erträge die Kosten nicht deckten, dann stand Sanierung ins Haus, und diese konnte sich entweder in der Entlassung auch von Festangestellten (selbst Vollprofessoren) äußern oder durch Einwerbung von Drittmitteln verhindert werden. Nun ging eine politisch kontroverse Operation los. Der Dekan wollte die Probleme durch Mobilisierung der Leute für die Einwerbung von Mitteln lösen, aber die Fachgruppenchefs sahen das als problematisch an. Ich war als Leiter von WORC Mitglied der Fakultätsleitung und sogenannter Prodekan. Mein humorvoller Kollege Wil Arts sagte einmal so schön, er müsse bei mir an die Arie aus der Operette Der Bettelstudent denken: „Ich bin der Prodekan, das sieht mir keiner an“.
Das mikropolitische Gezerre kumulierte am Ende einer Mobilisierungsoperation für alle Lehrenden in einem Misstrauensvotum der Fachgruppenleiter gegen den Dekan. Die Operation war angestoßen durch den Dekan und wurde in einer verunglückten Veranstaltung durchgeführt durch einen Organisationsberater. Da war „die Kugel durch die Kirche“ gegangen, wie man so schön im Lande der früheren Konfessionskämpfe sagte. Ich musste direkt danach zu einer Promotion in Oslo, und als ich zurückkam, wollte mich Yvonne de Rooij, die Vorsitzende der Universitätsleitung, in heller Aufregung sprechen, nachdem der Dekan zurückgetreten und ich amtierender Dekan war, als relativer Neuling in der Einrichtung.
Es wurde nun ein externer Kollege aus der Rechtsfakultät als bewindvoerder ernannt, also zeitweiser Dekan mit besonderer Befugnis. Ich musste mich um die mehr akademischen Angelegenheiten kümmern und in der Fakultätsleitung am Sanierungskonzept mitarbeiten. Das war angesichts der Interessengegensätze und der Angst vor Entlassungen keine dankbare Aufgabe. Solche Situationen bringen nicht die angenehmsten Seiten der menschlichen Natur hervor. Ohne auf die mühsamen Einzelheiten einzugehen, kam dann ein Sanierungskonzept, das vor allem auf Einsparungen gegründet war. Zu allem Überfluss war die Studienrichtung Beleid en Organisatie (Policy und Organisation) durch externe Evaluierung als mangelhaft bewertet worden. Gleich wurde ich als Organisationssoziologe aufgefordert, diesen Teil des Studiums und der Fakultät zügig umzukrempeln. Dies machte ich druckvoll und gar nicht antiautoritär, aber mit Erfolg, da die dann folgende Nachevaluation problemlos befriedigende Ergebnisse brachte. Intern erntete ich nicht nur Freunde, und zum Dank wurde mir ein Wechsel auf die Professur für Organisationssoziologie angetragen. Jedoch fühlte ich mich als Neuling in diesem mikropolitischen Hexenkessel zunehmend unwohl. Zu der Zeit ging ich mit Marc Maurice daran, nach 20 Jahren vergleichender Forschung im LEST und durch diese inspiriert, einen Band mit rückblickenden, kritischen und konstruktiven Beiträgen zum Ansatz der gesellschaftlichen Analyse zusammen zu stellen. Dieser erschien im Jahre 2000.
Zufällig war ich 1989 externes Mitglied in einer Berufungskommission für eine Stelle in Organisation an der Fakultät Bedrijfskunde in Groningen. Meinem guten Maastrichter Kollegen und Freund Arjen van Witteloostuijn erzählte ich von den Misslichkeiten in Tilburg. Dieser war gerade auf einer Stelle der Wirtschaftsfakultät in Groningen gelandet. Sogleich meinte er, ich solle mich doch auf die offene Stelle in Bedrijfskunde bewerben. Da seien wir wieder Nachbarn. Pflichtschuldig entgegnete ich, das gehe nicht, denn ich sei im Berufungsausschuss. Na, meinte er, das kriegen wir hin. Sogleich ging er zum Dekan der Bedrijfskunde, Jacob Wijngaard, und teilte ihm von der Möglichkeit mit. Alsbald kam die Aufforderung, die Kommission zu verlassen und mich zu bewerben. Das tat ich dann prompt. Nun ging alles schnell: Nach Gesprächen mit dem umfangreichen Ausschuss wurde das förmliche Angebot gemacht und ich zog alsbald, nach Abschluss von Lehrveranstaltungen in Tilburg, gegen Ende 1999 nach Groningen. In Tilburg meinte in der Ansprache beim informellen Abschied wieder humorvoll Wil Arts, der Kollege für Allgemeine Soziologie, ich vertrete die kolportierte Devise des Königs Friedrich II von Preußen: Hunde, wollt ihr ewig leben! Aber auch anderswo lauerten Gefahren, sagte er, auch in Groningen. Ich entgegnete zur Belustigung der Leute, aber auch nicht nur: Ja, aber lieber in Ehren untergehen als unehrenhaft weitermachen. - Ironischer Humor wurde in den Niederlanden sehr gut verstanden wie in England, vor allem Selbstironie.
Die Universität Groningen, gegründet 1614, ist die zweitälteste des Landes nach Leiden und entsprechend stolz. Die Stadt Groningen ist mit ganz knappem Vorsprung vor Aix-en-Provence, Oxford, Münster und Maastricht die wohl schönste, in der ich gearbeitet habe. Wieder kam ich mit dem Fahrrad leicht überall hin. Von meiner Wohnung am südöstlichen Rand der Innenstadt kam ich in 25 Minuten zur Fakultät im Norden, nach einer erfrischenden Fahrt quer durch die Innenstadt. Wenn die Luft roch, dann war es im Herbst nach der Zuckerfabrik und ansonsten je nach Wind nach der Tabakfabrik, alles angenehmer als in Nord-Brabant. Und am südlichen Ende der Oosterstraat war der beste Käseladen, den ich je kennengelernt habe.
In der Provinz Groningen gibt es einen Dialekt, von dem gesagt wird, er gleiche dem im deutschen Ostfriesland, was mir aber als einem Rheinländer nichts einbrachte. Die Universität war durch den Schriftsteller Willem Frederik Hermans mit dem Roman Onder Professoren verulkt worden. Darin gewinnt ein Chemieprofessor der Universität den Nobelpreis und erntet dafür Verstrickung in neidvolle Intrigen. Hermans ist einer meiner Lieblingsautoren geworden, wie ich auch die niederländische Literatur sehr schätze. Nun hatte ich auch wieder mit der Nieuwe Kerk eine schöne Kirche mit guten Predigern, Bijl und Moet. Mein Lebensrhythmus war in den meisten Wochen etwa so: Sonntag nachmittags fuhr ich mit dem Zug 16:30 ab Berlin mit zwei Umstiegen nach Groningen, wo ich gegen 23 h eintraf und zu meiner bescheidenen Wohnung ging. Es folgten fast zwei Arbeitswochen, und am Wochenende arbeitete ich großenteils weiter, abgesehen vom Gottesdienst. Dann fuhr ich meistens donnerstags mittags zurück nach Berlin und Zeuthen. Es ließ sich auch im Zug gut arbeiten, ebenso wie in Zeuthen zu Hause, da immer Referate, Prüfungsarbeiten oder Zeitschriftmanuskripte durchzusehen waren. Da war auch mehr Ruhe als in der Universität, wo die Ruhe erst nach 17 h einkehrte, wenn die meisten nach Hause gingen.
Meine Stelle war wegen gesundheitsbedingter Frühverrentung des Vorgängers Maarten van Gils frei geworden. Dieser war beim Aufbau der Fakultät zentral für deren Ausrichtung, und entsprechend viele Dozenten und Doktoranden waren in der Gruppe für Organisation, über 10. Nachdem ich Ende Juni 2000 Isolde Bergemann geheiratet hatte, lud die Gruppe meine Frau und mich zu einem Konzert und einem Mahl ein, was für einen schönen Beginn sorgte. Der andere konzeptionell grundlegende Professor war Ton (A.C.J.) de Leeuw, ein gelernter Elektronikingenieur, der sich der Systemtheorie verschrieben hatte. Die Befürchtung war bei manchen, ich werde Konflikte mit ihm bekommen ähnlich wie wohl zeitweise mein Vorgänger, der sich zuletzt dem Konstruktivismus hingegeben hatte. Dies war aber keineswegs so, denn ich war immer ein Bewunderer des soziotechnischen Ansatzes des Tavistock Institute und schätzte sehr die soziotechnische Ausrichtung des Studiums und die Konzentration auf den primären Prozess in der Wertschöpfung. Ton de Leeuw achtete ich für seine Systeemleer. Diese ist anspruchsvoll aber organisationstheoretisch autoritativ, verdaulich auch für Betriebswirtschaftsstudenten und im Realbezug auf Organisationen besser und detaillierter als was Niklas Luhmann geschrieben hatte. Es ist schade, dass sie im Ausland nicht verbreitet wurde.
Fachlich lief somit alles gut, auch mit den Kollegen aus der Technik. Mühe machte aber eine Umorientierung der Dozenten in meiner Gruppe. Diese waren zu sehr auf die Einbettung in das Vertraute orientiert und nicht so sehr auf innovative Eigenveröffentlichung. Es kamen aber gute Anreize: Der Jenenser Kollege in Industrie- und Betriebssoziologie, Rudi Schmidt, hatte einen Projektantrag bei der EU entwickelt, zur Multinationalisierung von Klein- und Mittelunternehmen in Europa und darüber hinaus. Es waren Teilnehmer aus Deutschland, Italien, Frankreich und den Niederlanden vorgesehen, also auch wir in Groningen. Dieses Projekt betrieb ich für die Niederlande mit Maryse Brand und Gerda Gemser, zwei Dozentinnen aus der Gruppe Strategie der Fakultät. Die Arbeit mit ihnen war fruchtbar und machte Freude. Aber die Zusammenarbeit im europäischen Verbund war nicht einfach. Gerda, Maryse und ich fertigten trotzdem gute Veröffentlichungen an. Luchien Karsten hatte in unserer Gruppe schon eine Kooperation mit Universitäten in Afrika (vornehmlich damals Eritrea) und Indonesien betrieben, die auch zu Promotionen führte. Kees van Veen widmete sich erfolgreich dem Vergleich der Internationalisierung des Personals von Vorständen von Aktiengesellschaften in Europa. Ayse Saka war zu uns gekommen und ebenfalls erfolgreich in Publikationen im Internationalen Management.
Weiterhin entstand eine Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik, die den Beruf des nurse practicioner entwickelte, einen Weiterbildungsberuf aufbauend auf Erfahrung in der Krankenhauspflege, als Aufstiegsmöglichkeit für gelernte und erfahrene Krankenschwestern und Pfleger, aber auch zur Entlastung der Mediziner von Entscheidungen, die auf Erfahrung im Bereich beruhten und delegiert werden konnten. Hierfür war ich der angewiesene Professor in Bedrijfskunde, und so betreute ich zusammen mit Marjolein van Offenbeek, Dozentin in unserer Gruppe, eine Reihe von Projekten, die auch zu Promotionen führten. Zunächst promovierte ich die Ausbildungsleiterin der Universitätsklinik Petrie Roodbol, dann Marrig Knip über den Einsatz der nurse practicioners. Es kam dann Constanze Kathan mit einer Dissertation über den Einsatz der neuen medizinischen Spezialisierung für Ärzte in der Notaufnahme und Katarina Jerković-Ćosić über neue Zahnarztassistentinnen.
Nun waren beide Fakultäten, Wirtschaft und Bedrijfskunde, an Ausbildung für International Management and Business interessiert. Bedrijfskunde hatte das schon, aber nur als Spezialisierung. Die Wirtschaftsfakultät wollte es neu, auch um den Rückgang der Studentenzahlen umzukehren. Der Professor für Internationales Management in Bedrijfskunde war kürzlich nach England gewechselt. Wir suchten also Ersatz, aber das gelang nicht gleich. Zufällig traf ich im Zug den Dekan der Wirtschaftsfakultät, Tom Wansbeek, der mich fragte, ob ich denn nicht jemanden kenne. Ich antwortete: Ja, mich. Er war erst verblüfft, da er meine Maastrichter Erfahrung wohl nicht kannte, auch nicht meine Veröffentlichungen. Aber ich hatte mich zurückgehalten, um den Lehrstuhl und die Truppe nicht zu verlassen. Nun ging es wieder schnell. Auch mit Unterstützung eines großen Teils der Gruppe bauten wir eine Einheit Internationales Management auf, und zusammen mit Arjen van Witteloostuijn entwickelte ich neue Studiengänge sowohl für die Wirtschaftswissenschaft als auch für Bedrijfskunde. Das hatten wir gelernt, und das ging in den Fakultäten dank der Unterstützung der in den Niederlanden mächtigen Dekane glatt durch.
Die meisten in meiner Gruppe Organisation blieben bei mir trotz der Akzentverschiebung Richtung Internationales Management; eine Person meinte, die Meinung sei, ich sei wenigstens “een echte hoogleraar”. Das ging pragmatisch in der Gruppe ziemlich glatt, da ich niemanden Richtung Internationales drängte. Auch die bewährte Zusammenarbeit mit Arjen machte alles über Fakultätgrenzen hinweg einfach. Mit dem Dozenten Gábor Péli aus der Wirttschaftswissenschaft, einem gebürtigen Ungarn, entwickelte ich in bester Zusammenarbeit ein Fach Varieties of Capitalism für Fortgeschrittene, das viele Studenten in der letzten Phase anzog. Dank Gábor hatten wir auch eine denkwürdige Konferenz in Debrecen, zusammen mit der dortigen Fakultät. Debrecen im Osten des Landes war der Hauptort der evangelischen Reformation in Ungarn gewesen und dadurch sehr geprägt, sodass wir nördliche Niederländer als wahrscheinlich stramme Reformierte herzlich willkommen geheißen wurden.
Es gab also gut zu tun für mich, aber die Zeit reichte nicht für die Abfassung eines anständigen Buches, die irgendwie geschehen sollte. Da bot sich die schöne Möglichkeit, vermittelt durch den Direktor Wolfgang Streeck, ein Jahr 2002-2003 am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung zu verbringen, um genau das zu tun. Ich ließ mich also in Groningen für ein Jahr von Verpflichtungen außerhalb der Forschung ohne Gehalt beurlauben, und das MPI bezahlte die Differenz. Die Zeit an diesem Institut war ungewöhnlich anregend; das war ein Aufenthalt im besten sozialwissenschaftlichen Institut, das ich erlebt habe. Ich entwarf und schrieb ein Buch über paradoxe Gesellschaftsbildung am Beispiel Deutschlands, im Wechselspiel von internationalen Einflüssen und der Befestigung und Fortbildung nationaler Institutionen und Kultur. Dies geschah auch, um den Ansatz vom gesellschaftlichen Effekt, meine hauptsächliche geistige Heimat bei Marc Maurice in Aix, weiter zu treiben. Auch Marc war es zufrieden, als das Buch fertig war. Köln hat auch ansonsten Vorteile, darunter nicht zuletzt die Nähe zu Düsseldorf. Das ist nicht nur eine Anspielung auf die in Köln hochgespielte Rivalität, denn nachdem ich drei Monate dort war, starb meine Mutter in Düsseldorf, und ich konnte bei ihrem Tod schnell zu ihr. Aber ich musste auch etwa zweimal im Monat in Groningen, um nach dem Rechten sehen, denn gerade wurde der Studiengang Bedrijfskunde reformiert, es war eine neue Dozentin einzustellen, und Promotionsprojekte liefen weiter.
Das in Groningen für mich gesparte Gehalt wurde verwendet, um Florian Becker-Ritterspach, einen vormaligen Studenten aus Berlin, mit Lehre in Kursen in Internationalem Management an die Fakultät heran zu bringen und den Abschluss der Dissertation zu ermöglichen, nachdem seine Feldarbeit in Automobilunternehmen in Indien auf einem DAAD-Stipendium abgeschlossen war. Ein anderer ehemaliger Student an der HUB, Knut Lange, war am MPI in Köln auf ein Stipendium zur Promotion über Biotechnologieunternehmen in Deutschland und England gekommen mit der Maßgabe, ich müsse ihn betreuen und in Groningen promovieren. Die Betreuung konnte ich in Köln gut leisten. Mit Bart Nooteboom in Rotterdam betreute ich weiterhin eine bewegende Doktorarbeit von Frederique Six. Dieses Projekt war sozusagen die Rehabilitation nach einem sehr schweren Unfall beim Betriebsausflug ihres ehemaligen Arbeitgebers, einem großen Beratungsunternehmen. Auch so etwas gibt es, Rehabilitation durch ein Promotionsprojekt. Und es führte später zu einem guten gemeinsamen Artikel und Frederique zu einer Stelle an der VU Amsterdam.
Zurück in Groningen stand eine Forschungsevaluation des Forschungsinstituts und der Doktorandenschule SOM an. Arjen van Witteloostuijn und ich hatten ein fakultätsübergreifendes Forschungsgebiet Cross-Contextual Comparison definiert, welches in die Evaluation einging. Das Ergebnis der Evaluation war für uns sehr gut. Man muss aber auch sagen, dass man im Zuge der um sich greifenden Evaluitis gelernt haben konnte, ein Gebiet anziehend zu präsentieren. Sehr anregend war ein im Wettbewerb eingeworbenes Drittmittelprojekt für die niederländischen Arbeitgeber zusammen mit Rienk Goodijk, über neue Instrumente der Personalführung und den Wandel der Arbeitsbeziehungen, welches zu einem Buch auf Niederländisch führte. Bei der Auswahlsitzung hatte mich der Personalchef von IBM Nederland so freundlich angesehen, dass ich mich wunderte; er sagte mir danach mit noch freundlicherem Gesicht, dass eine von mir in Praktikum und Diplomarbeit betreute Studentin bei ihm arbeitete. Auch in Groningen waren diese Betreuungen immer eine herausfordernde aber fachlich und menschlich dankbare Angelegenheit.
Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Arjen und anderen in der Nachbarfakultät, besonders auch mit Hans van Ees und Gábor Péli, trug dazu bei, den Drang der Universitätsleitung auf Vereinigung beider Fakultäten zu erhöhen. Auf den ersten Blick kam dies Arjen und mir auch entgegen. Jedoch wurde dann ein neuer Dekan ernannt, der genau das als Programm vertrat, aber sonst als gelernter Informatiker kein Geschick hatte außer im Proklamieren oberflächlicher Sprüche. Damit erregte er sogleich Unbehagen, vor allem in der Wirtschaftsfakultät, an der er immerhin früher als Dozent gearbeitet hatte. Dazu hatte er die Gewohnheit, postwendenden Vollzug von Maßnahmen per Email an alle zu fordern, selber aber für den Betrieb notwendige Maßnahmen nicht auf die Reihe zu kriegen. Wenn ich per Antwort-Email Einspruch einlegte, erntete ich in der Kantine freundliche Blicke und Worte. Es wurde dann die Antwortoption Reply-to-All vom Dekan abgeschafft. Als mit Teun van Duinen, einem erfahrenen Verwalter, ein neuer Verwaltungsleiter eingestellt wurde, lud er mich zum Gespräch ein. Er sagte, ich habe ja öfter mal Ärger mit der Fakultätsleitung. Nachdenklich fügte er an, er habe sich das angesehen, und meistens habe ich recht. Nach fast zwei Jahren wurde der Dekan zum Rücktritt genötigt.
Der Ärger mit dem neuen Dekan und die gesamte mikropolitische Situation brachten nun Arjen van Witteloostuijn dazu, seine Hauptbeschäftigung in Antwerpen zu suchen, am anderen Ende des niederländischen Sprachgebiets. Arjen reagierte auf Misslichkeiten empfindlicher als ich. Mikropolitisch bekam die Wirtschaftswissenschaft in der integrierten Gesamtfakultät mehr Gewicht als Bedrijfskunde. Die letztere war für den Ertrag (Absolventenzahlen) wichtiger, während der damalige Vorsitzende des Universitätsleitung aus der Wirtschaftsfakultät kam und ein Muster niederländischer Verwurzelung am Ort bis zur Rente war. Trotzdem sah ich keinen schwerwiegenden Anlass, eine neue Stelle zu suchen. Ich hatte nur noch fünf Jahre bis zur Verrentung, meine Leute sagten mir zu, das Programm lief gut und die Universität hatte mir noch einen „named chair“ gegeben, zusammen mit dem Marketingprofessor der Wirtschaftsfakultät Peter Leeflang. Allerdings stand dahinter nicht eine Spende eines reichen Unternehmens wie im englischen Sprachgebiet, sondern banales Universitätsgeld. Ich konnte den Namen also selber wählen und nahm François Sellier, den Begründer des LEST in Aix-en-Provence, meiner hauptsächlichen geistigen Heimat, in der alles für mich wissenschaftlich Entscheidende 1975 begonnen hatte. Marc freute sich sehr und Selliers Witwe stimmte auch erfreut zu. Aber es passierte doch noch etwas Unvermutetes.
Finale
Vor Weihnachten 2005 kam ich für die Festtage zu meiner Frau nach Hause in Zeuthen. Bald nachdem ich ankam, meldete sich Birgit Hahn, die Sekretärin des damaligen Präsidenten des WZB, am Telefon. Sie hatte schon drei vorherigen Präsidenten mit ihrer freundlichen und effizienten Art gedient und war mir noch von früher vertraut. Sie fragte, ob der Präsident Jürgen Kocka mich sprechen könne. Wir vereinbarten einen Anruftermin. Kaum hatte ich aufgelegt, dass meine Frau besorgt meinte: „Ich weiß worum es geht, um eine Stelle. Jetzt sieh zu, dass Du das nicht vermasselst“. Sie war sehr erpicht darauf, mich wieder nach Berlin zu bekommen. Aber so zögerlich wie in ihrer Befürchtung war ich doch auch nicht. Es ging darum, eine ausgeschriebene Direktorenstelle für die Abteilung INTO (Internationalisierung und Organisation) zu vertreten, da der erstplatzierte Berufene (Bruce Kogut) sich mit der Annahme schwertat. Dasselbe war bei einem Nachbardirektorat der Fall.
Solches Verhalten, das typischer Weise im deutschsprachigen Raum auftrat, war mir zutiefst verhasst. Berufene Bewerber ließen sich endlos Zeit mit der Betrachtung des Rufes, verhandelten zu Hause, überlegten sich alles und kamen dann zu einem unberechenbaren Ergebnis. Der ordinariale Adel sonnte sich in seinen Standesprivilegien, und der dritte Stand des Mittelbaus wurde am langen Arm geführt. In den Niederlanden und England gab man einen Monat Zeit, und dann musste man sich entschieden haben. Zwischen den Jahren traf ich Kocka und besprach alles mit ihm. Ich kannte die Abteilung ganz gut und wusste, dass ich aus ihr heraus durch Hedwig Rudolph, die nun pensionierte Direktorin, dem Präsidenten als Vertretung vorgeschlagen worden war. Die Vertretung sollte über ein Jahr laufen und Kocka meinte mit sorgenvollem Gesicht, ich solle nicht zu viel Neues machen, sondern im Wesentlichen Bestehendes fortführen, und Verträge über das Jahr hinaus könne ich auch nicht machen. Normalerweise hätte ich dankend verzichtet. Aber meine Frau konnte ich nicht enttäuschen, und ich kannte auch Leute der Abteilung. Christoph Dörrenbächer hatten wir gerade in Groningen für eine Dozentenstelle ausgewählt, und Sigrid Quack schätzte ich besonders; mit ihr hatte ich ja schon länger in EGOS und dem Verbund zu business systems zusammengearbeitet.
So sagte ich zu, mich in Groningen beurlauben zu lassen und zu kommen. Im neuen Jahr ließ sich das WZB aber mit einem Angebot Zeit. Es war den Leitenden nicht klar, ob sie damit erst durch das Kuratorium mussten oder nicht. So konnte das nicht rechtzeitig bis April laufen. Ich dachte an meine Erfahrungen im alten WZB unter Fritz Scharpf und sagte dem noch neuen Administrativen Geschäftsführer Basler, er solle zunächst einen Vertrag für Gastwissenschaftler mit mir machen, was ja schnell gehe, sodann gleich mit der Direktorvertretung ins Kuratorium gehen und danach die Verträge mit mir austauschen, während ich schon im WZB war. Nur auf diese Art konnten das WZB und ich den Termin im April halten. Ich konnte ja nicht meine Universität zu einer ruckartigen Beurlaubung von jetzt auf gleich drängen. Und so geschah es dann. Freuen konnte ich mich, Sylvia Pichorner wieder als Sekretärin zu bekommen; wir waren schon in meiner früheren Zeit am WZB ab 1979 zusammen, nachdem sie als geborene Ost-Berlinerin dort auf ihre erste Stelle in West-Berlin eingestellt wurde.
Nun war ich Professor in Groningen und Direktor am WZB. In Groningen machte ich noch Doktorandenkurse mit Arjen van Witteloostuijn alle zwei Wochen, für Studenten aus Groningen und Antwerpen, sowie die Betreuung noch nicht beendeter Promotionsprojekte. Im WZB arbeitete ich nach der von Kocka gegebenen Maßgabe, betrieb also vor allem konstruktive Betreuung der anwesenden Forscher. An erster Stelle verdiente die Habilitationsschrift von Sigrid Quack Zuwendung, mehr als ihr vorher zuteil wurde. Sie ging glatt voran und alsbald wurde die Habilitation an der FU Berlin vollzogen. Sodann wechselte Sigrid bald auf eine Stelle als Gruppenleiterin am MPI für Gesellschaftsforschung. Auch kümmerte ich mich um eine Ehemalige der Abteilung, Jana Okech, deren erster Entwurf der Dissertation an einer privaten Hochschule länger als ein halbes Jahr ohne Rückmeldung von der Betreuerin schmorte. Das empfand ich ebenso als deutsche Unsitte und übernahm einfach das Projekt an die Universität Potsdam. Dort hatte mich mein früherer Assistent an der HUB, Thomas Edeling, zur Übernahme einer Honorarprofessur bewegt. Ich hatte das gemacht, um auch in Deutschland Qualifizierungsarbeiten betreuen zu können. Die Dissertation zur Internationalisierung von Beratungsunternehmen war auf dem Gebiet der Betriebswirtschaftslehre-Organisation, die mir als Professor in Bedrijfskunde vertraut war. Aber zur Sicherheit lud ich zur Mitbetreuung den Professor für Organisation in Potsdam ein, Dieter Wagner, und entwickelte mit ihm eine gute Zusammenarbeit. Nach einem Jahr wurde Jana Okech promoviert, und sie ging dann an das Deutsche Institut für Risikobewertung. Bei der Promotion sagte sie, ich habe ihr den Glauben an die Wissenschaft wiedergegeben.
Vor dem Ablauf meines vereinbarten Jahres kam der Präsident wieder auf mich zu und sagte, Kogut habe den Ruf abgelehnt und sei zur Columbia University in New York gegangen. Zu allem Überfluss wurde der Zweitplatzierte auf der Liste von den Leuten abgelehnt. Ich plädierte für den Drittplatzierten, den ich für sehr geeignet hielt. Aber der Präsident hielt an Gewohnheiten deutscher Universitäten fest, nicht irgendwelchen Regeln, sodass er dies ablehnte, mit ihm stillschweigend auch die Leitungsebene. So kam wieder die Bitte an mich, die Beurlaubung um ein weiteres Jahr zu verlängern. Meine Antwort war, ich könne scheibchenweise Beurlaubungen meiner Universität nicht zumuten; entweder man nehme mich bis zur Rente Ende 2010, sodass ich die Stelle in Groningen freimachen könne, oder ich gehe zurück. Kocka ging darauf ein und meine Frau atmete wieder auf. Die Universität ging nun auf die Suche nach einem Nachfolger, und nach einiger Zeit fand sich ein sehr guter Kandidat, Sjoerd Beugelsdijk. Ihm gab ich mit, dass die Fakultät gut darin sei, Anforderungen zu stellen, aber nicht die personellen Ressourcen. Aber ich machte weiter mit der Doktorandenbetreuung; der letzte promovierte 2012. Und ich fuhr immer gerne nach Groningen. Nach einigen Jahren sagte mir Sjoerd, an der Problematik habe sich nicht viel geändert. 2023 verlor ihn die Fakultät an eine Universität in den USA.
Eine Hauptaufgabe am WZB, auch erwähnt durch den Präsidenten, war die Abfassung eines Berichtsbandes für das vor mir gelaufene Forschungsprogramm der Abteilung. Dazu erweiterte ich den Kreis der Autoren noch etwas über die alte Abteilung und konzipierte eine integrierende Thematik. Auch brachte ich auf eine frei gewordene Stelle für kurze Zeit Ilir Haxhi aus Groningen, der nahe an der Programmatik arbeitete. Dann kam Sigurt Vitols zu uns, der nach der Schließung der Abteilung von David Soskice sozusagen heimatlos war, und ebenso Christina Teipen, ebenfalls aus einer geschlossenen Abteilung. Vitols machte kontinuierlich gute Projekte zu varieties of capitalism, und Teipen arbeitete an ihrer Habilitationsschrift mit einem internationalen Vergleich von Computerspieleentwicklern. Sie passten beide gut in die Abteilung. Christina wurde 2011 an der HUB habilitiert und landete an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht. Sebastian Botzem arbeitete über die internationale Verbreitung neuer Standards der Rechnungslegung von Aktiengesellschaften, und David Furch, Friedrich-Ebert-Stipendiat an der Universität Hamburg, als Gast über die Entwicklung des italienischen Finanzwesens. Weitere nicht vom WZB bezahlte Gäste waren die Professorin Eli Moen aus Oslo, der hervorragende französische Politökonom Robert Boyer, der sich am Wissenschaftskolleg Berlin aufhielt und fachlichen Kontakt suchte, und der führende Organisationsforscher Niels Brunsson aus Schweden. So wurde die Zeit nicht langweilig, und wir konnten auch gut besuchte Vorträge und Diskussionen im WZB nach der weltweiten Finanzkrise 2007+ veranstalten. Dieter Plehwe veröffentlichte mit Mirowski ein vielbeachtetes Buch bei Harvard University Press, über die internationale Verbreitung und den Einfluss von neoliberalen Politiknetzwerken. So behielt und entwickelte die Abteilung weiter Profil.
Dank Sigrid Quack konnte ich auch in einem Doktorandenprogramm an der FU, koordiniert von Georg Schreyögg, über Pfadtheorien mitmachen. Insbesondere die Betreuung der Dissertation von Lisa Arnold über Pfade in Airbus – ihre Themenwahl - war ein Vergnügen, da ich zu meiner alten Liebe der Luftfahrt zurückkehren konnte. Auch sie und Thomas Blanchet waren extern bezahlte Gäste in unserer Abteilung. In der Lehre war ich in Potsdam im Hauptstudium tätig, zu Spielarten des Kapitalismus. Daneben gelang es mir, Florian Becker-Ritterspach in Potsdam zur Habilitation in Betriebswirtschaftslehre zu bringen, wiewohl ich in Potsdam nur Honorarprofessor war und als ehemaliger Professor in Soziologie trotz meiner langjährigen Anstellung als BWL-Professor in den Niederlanden wohl nicht so ernst genommen wurde. Das schönste Erlebnis in Potsdam war neben der Begegnung mit den Studenten in verschiedenen Studiengängen die gemeinsame Betreuung einer Doktorandin zusammen mit Theresa Wobbe, einer Kollegin in der Soziologie der Geschlechterbeziehungen. Theresa war kundig und offen auch in der Organisationssoziologie, die im Projekt mit gefragt war, und eine im Umgang sehr angenehme Kollegin, feinfühlig und ohne jedwede Ecken und Kanten. Sie war auch vorher eine sehr geschickte Dekanin in der Zeit gewesen, als Plagiatsvorwürfe gegen Doktorarbeiten auftauchten.
Gregory Jackson wechselte 2008 an die FU Berlin und beteiligte mich an einem Drittmittelprojekt im internationalen Vergleich der Veränderungen in der corporate governance in Europa. Wir arbeiteten zusammen am Teil für Deutschland. Das war meine letzte Teilnahme an einem Drittmittelprojekt. Ende 2010 stand meine Verrentung in Groningen an, wo eine eintägige muntere Veranstaltung stattfand, abgeschlossen mit meiner Abschiedsvorlesung. Es kamen viele alte Freunde und Kollegen, auch die Abteilung INTO des WZB. Florian Becker-Ritterspach hatte einen schönen Tag organisiert. Eine Festschrift, in den Niederlanden liber amicorum genannt, hatte ich mir verbeten. Die Leute sollten in guten Zeitschriften das veröffentlichen, was ihnen wichtig für ihre Entwicklung erschien. Aber einen launigen Band mit Fotos machten sie trotzdem. Ab und zu ziehe ich mich daran hoch, wenn mir danach ist. Im WZB arbeitete ich noch weitere drei Monate, bis zur Evaluation. Leider aber wurde trotz guter Evaluation unter widrigen Umständen die Abteilung geschlossen. Die erlebten Probleme bei der Neubesetzung der Direktorenstelle verlockten wohl dazu, etwas anderes zu machen und Ressourcen umzuwidmen. Die Abteilung machte einen schönen Abschied, im Theater Die Wühlmäuse am Theodor-Heuss-Platz und bei einem Mahl. Und die Gruppen aus Groningen und dem WZB kamen im Sommer 2011 zusammen zu uns nach Zeuthen für eine zünftige Sause, die meine Frau und ich ausrichteten, mit einer Schiffsrundfahrt rund um den Schmöckwitzer Werder und einem Fest in unserem weitläufigen Garten.
Die Präsidentin Jutta Allmendinger sah im März 2011 bei meiner Verabschiedung im WZB in die Richtung meiner Frau und fragte, wie ich ihr einen derartig wechselvollen Lebenslauf habe zumuten können. Ich entgegnete wahrheitsgemäß, das habe ich auch nicht alles ihr zugemutet, da meine erste Frau gestorben war. Beim Nachzählen danach stellte ich aber fest, dass von den insgesamt fünf Wechseln während einer Ehe oder Partnerschaft drei in erster Linie durch meine Partnerin oder Frau bestimmt waren, nur einer in erster Linie durch mich. Der Wechsel von Tilburg nach Groningen war auch im Sinne meiner Partnerin Isolde gewesen, da er mich entspannte und 100 km näher an Berlin brachte. Aber Jutta Allmendinger hatte insofern recht, als der Berufsweg mit den vielen und teilweise riskanten Wechseln etwas abenteuerlich war. Ich musste an einen schönen Spruch von Jörg Zink aus den sechziger Jahren denken: Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade. Was Frauen in der Wissenschaft angeht, so waren deutlich mehr als die Hälfte meiner Doktorandinnen Frauen. Dies war kein Ergebnis bewusster Politik, sondern von neutralen Auswahlprozessen, die auch zum Teil nicht vor allem bei mir lagen, und des gegenseitigen Findens von Bewerberin und Betreuer. Die Mehrheit an Frauen lag offenbar im Trend, denn sie hatten mehr zu bieten. Vier von ihnen wurden später Vollprofessorinnen.
Meine Arbeit ging ab 2011 weiter nach dem Motto: Die vollständige akademische Freiheit kommt nach der Verrentung, aber eben meistens ohne Bezahlung, abgesehen von einem Aufenthalt am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, bei dem ich die exemplarische Bedeutung des Luftverkehrs für die Analyse und Erklärung miteinander verbundener Prozesse supranationaler Regulierung, der Multinationalisierung von Unternehmen und des Erhalts nationaler Institutionen und Praktiken zeigte. Bereits am WZB hatte ich workshops zur internationalen Luftfahrt begonnen, aus denen Veröffentlichungen von Florian Becker-Ritterspach, Ayse Saka-Helmhout und Knut Lange hervorgingen. Ich gebrauche übrigens immer den Begriff Verrentung, da er bei mir technisch korrekt ist. In den Niederlanden zahlen auch Professoren und Beamte in die gesetzliche Rentenversicherung ein, und nach meiner Verbeamtung und dem Weggang von der HUB war ich nachversichert worden.
Es kamen noch Promotionen in Groningen, es waren Evaluationen durchzuführen an der Wirtschaftsuniversität Wien und der Fakultät Sozialwissenschaften der Universität Paris V, bei letzterer als Vorsitzender. Umfangreich war auch in der Zeit der Berufstätigkeit der Anteil an Evaluationen, als Täter und als Opfer. Seit 1978 wurde ich regelmäßig als Teil einer Einheit (Institut, Fakultät, o.ä.) alle zwei bis drei Jahre evaluiert. Mitglied von Begutachtungs-, Evaluierungs- oder Aufsichtsgremien war ich sicher mehr als im Durchschnitt, darunter oft als relativer Ausländer, selbst bei der DFG, und insbesondere beim CNRS (Commission 40 Poltitque Pouvoir et Organisation), beim französischen Berufsbildungsinstitut CEREQ, der französischen ANR und der niederländischen NWO. Das war zwar belastend aber ungemein bildend, denn ich musste ständig etwas lesen, was ich sonst nicht gelesen hätte.
In der Lehre in Groningen und Potsdam hatte ich ein Lehrbuch von Carla Koen gebraucht, Comparative International Management. Das war das anspruchsvollste zum Thema und ich verwendete es gerne. Etwa 2012 fragte ich Carla, ob eine neue Auflage kommen werde, denn das Buch war zu aktualisieren. Sie hatte unter Arbeitsdruck keine Zeit dafür und bot mir die Aufgabe an. Zunächst wanderte das Buch sozusagen von McGraw-Hill nach Routledge. Ich traf mich mit Carla und meinem alten Kollegen Niels Noorderhaven von der Wirtschaftsfakultät in Tilburg, und wir wurden uns einig: Niels und ich übernahmen die Überarbeitung. Die zweite Auflage erschien 2015. 2022 meldete sich der Verlag wieder und wünschte eine dritte Auflage. Niels und ich gingen wieder an eine Überarbeitung. Das Konzept und meiste Arbeit blieben an mir hängen, da Niels noch nicht in Rente war und die Universität keine Punkte für Lehrbücher vergab. Die Arbeiten wurden zu einer Rehabilitation nach Operationen nun auch für mich. Den Fall des Luftverkehrs und darin von vier Gesellschaften bauten Niels Noorderhaven und ich in das Buch ein, damit die Studenten ihr Wissen anwenden konnte. Daneben schrieb ich noch ein paar Aufsätze für Sammelbände, sowie zusammen mit Wolfgang Streeck einen kritischen Rückblick auf unseren Aufsatz aus 1988 über diversifizierte Qualitätsproduktion im Lichte der inzwischen stattgefundenen Entwicklung. Im Lesen war ich aber zunehmend in historische Literatur eingetaucht, um langfristige Entwicklungen besser zu verstehen. Auch das war schon früher angelegt.
Fazit
Beim Rückblick erscheint mir in der Tat mein Berufsweg abenteuerlich gewesen zu sein. Dabei erinnere ich mich, Entscheidungen nach dem alten englischen Spruch getroffen zu haben: It seemed a good idea at the time. Langfristig bedacht war das alles sicher nicht. Beim meinem Sprachkurs Niederländisch im Herbst 1988 fragte mich die Konversationslehrerin, wie sich denn nach der internationalen Mobilität meine Rente darstelle. Ich übersetzte leicht verkürzt den berühmten Vers aus Matth. 6, 26: „Sehet die Vögel unter dem Himmel, sie säen nicht, sie ernten nicht, ... und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch“. Die Lehrerin brach in schallendes Lachen aus. Meine Frau Isolde meinte auch ein paarmal: Dein Gottvertrauen möchte ich haben.
In soziologischer Analyse stellt sich das Verhalten aber folgendermaßen dar: Die gegenseitige Verklammerung von Gelegenheiten und eigener Wahl wird darin deutlich, dass ich wie im Interaktionismus dargestellt Gelegenheiten subjektiv als relevant wahrnahm, zum Teil auch gegen den zunächst offensichtlichen Mangel an Gelegenheiten wie in Oxford für das zweite Jahr. Mentoren, Kollegen und Partnerinnen wirkten ausgiebig an der Strukturierung der Gegebenheiten und der Entscheidungen mit. Meine Entscheidung für Maastricht war entscheidend durch meine erste Frau bestimmt, aber sie hatte langfristige Konsequenzen, die ich so nicht erwartet hatte. Es ging also nicht um den Vorrang eines Eigenwillens, sondern um das Auffinden neuer Chancen nach einer getroffenen Entscheidung, die diese im Nachhinein umso lohnender erscheinen lassen. Wie der berühmte niederländische Nationalspieler und Trainer Johan Cruyff so schön sagte: Jeder Nachteil hat seinen Vorteil. Wissenschaftlich von grundlegender Konsequenz waren die Orientierung auf das LEST und Marc Maurice, sowie dann auf Bedrijfskunde als interdisziplinäre Kombination von Betriebswirtschaft, Soziologie und Technik. Ohne Arbeit im Ausland wären beide trotz Veranlagung in der Sozialisation nicht dermaßen intensiv entstanden, entsprangen also wiederum einer Verklammerung von Neigung und Gelegenheit.
Eine Grundlage der Entscheidungen lag in der Sozialisation und frühen vielfältigen Interessen, die nicht nahe beieinander lagen und zunächst am Berufsweg zweifeln ließen. Trotz Umorientierungen wurden sie aber nacheinander aufgegriffen und mit beruflichen Richtungen kombiniert, so vor allem im Beibehalten und der schrittweisen Mobilisierung von Interessen und Erfahrungen in Luftfahrt und Technik, und in ihrer Kombination mit dem Interesse am internationalen Vergleich. Dies folgte der erwähnten Diversifizierung und Intensivierung der Sprachkompetenzen und motivierte umgekehrt zum Spracherwerb. All das ist Interaktionismus in Reinkultur. Dies gilt auch für den Wehrdienst, der formell „sozialer Zwang“ war, den ich durch Verweigerung und Zivildienst umgehen konnte aber nicht wollte.
In ihrer sehr guten und für mich lehrreichen Laudatio auf dem EGOS-Kolloquium 2010 in Lissabon führte Sigrid Quack aus, ich sei ein rooted cosmopolitan, also ein Kosmopolit, der wo er sich niederlässt Wurzeln schlägt. In den englischsprachigen Ländern nennt man das going native, zum Beispiel von Managern im kulturell andersartigen Ausland, wenn sie sich dort verwurzelten. Sigrid hatte sicher recht, wiewohl ich den Begriff Kosmopolit immer unrealistisch fand. Denn die Welt des sinnerfüllten kosmos ist keine polis nach den prägenden griechischen Vorstellungen. Sie wird es auch nicht, denn die verschiedenen Nationen, Zivilisationen und Kulturen der Welt sind keineswegs einer geschlossenen politischen Herrschaft wie in einer polis unterworfen, auch nicht im größeren Maßstab. Sie sind sehr verschieden und werden das bleiben. Ich selbst habe immer die Kultur und Interessen des Landes, in dem ich arbeitete und wohnte, beherzigt und vertreten, war insofern ansatzweise auch Patriot in anderen Ländern, was dort gewürdigt wurde. Aber letzten Endes haben mir der internationale Vergleich und die Mobilität ohne Rückkehrgarantien auch zu Patriotismus in Deutschland verholfen oder diesen verstärkt. Da liegt der gewichtige Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus, den schon Ernst Troeltsch betont hatte, ohne dass dies tiefer durchgedrungen wäre: Patriotismus sieht die Nation, für die man sich einsetzt, im Gegensatz zum Nationalismus nicht als anderen überlegen an.
Etwas zunächst völlig Unerwartetes war für mich der Umgang miteinander in großen Teilen der Wissenschaft, der sehr der zumeist proklamierten humanwissenschaftlichen Ethik und der Darstellung nach außen widerspricht. Am Anfang stand schon in meiner ersten Stelle eine wüste Auseinandersetzung zwischen dem Lehrstuhlinhaber und einem Assistenten, die in der Folge einen zeitweise willkürlichen und leicht paranoiden Umgang auch mit Unbeteiligten mit sich brachte. In einer anderen Abteilung des WZB als der, in welcher ich damals war, geriet ein neuer Direktor durch ruppiges Auftreten dermaßen mit den vorhandenen Forschern aneinander, dass seine Weiterbeschäftigung nach einem Jahr unmöglich wurde. In Tilburg äußerten einige Psychologen sich übereinander ohne Anlass im Gespräch mit Verachtung, ohne dass ich den realen Hintergrund erfassen konnte. Schon ein Klassiker der Organisationstheorie, Derek Pugh, hatte offen über seine erste Stelle in Psychologie in Edinburgh sogar schriftlich berichtet, dass zu seiner Erschütterung die Kollegen einander mit hatred and contempt begegneten. Ein guter Kollege in Deutschland berichtete aus seiner Zeit als Dekan an einer renommierten alten Universität schwere Konflikte über den banalen Zugang zu einem Arbeitszimmer; ironisch dachte er daran, seine Ausstattung mit einer Dienstwaffe zu beantragen. Selbst aus einem Oxforder College wurde berichtet, dass nach einer mündlichen Auseinandersetzung in einer Versammlung ein Dozent einen anderen nach draußen einlud, um ihm einen Faustschlag ins Gesicht zu verpassen.
Das kann sogar geschehen, ohne dass man in der Einrichtung selber nach langer Erfahrung etwas mitbekommt. Nachdem ich aus dem WZB 2011 ausgeschieden war, traf ich in der S-Bahn Maria Oppen, eine langjährige WZBlerin und zuletzt auch Ombudsfrau. Maria ist eine recht stabile und nicht leicht zu erschütternde Kollegin. Sie sagte, Erlebnisse in dieser Funktion seien niederschmetternd gewesen. Sie sei entsetzt gewesen, was ihr an Feindseligkeiten und Beschuldigungen vorgetragen wurde. Sie habe sich nicht vorstellen können, was alles im WZB passierte. Oft habe sie sich am Abend erst wieder zu Hause von ihrem Partner Friedel Hauss, auch ehemaliger WZBler und sogar Betriebsrat, ins Gleichgewicht bringen lassen müssen.
Wissenschaftliche Freiheit, und vielleicht gerade die in Wissenschaften vom Menschen, führt also nicht ohne weiteres zu einer höheren Qualität des eigenen Umgangs miteinander. Auch die auf kritische Wahrheitsfindung hin orientierte Ethik des Verzichts auf Willkür im Argument und gewaltsame Auseinandersetzung unterliegt der unvermeidlichen Theorie–Praxis-Differenz. Die Differenz geht oft über das hinaus, was Willem Frederik Hermans etwas karikatural und amüsant über Groningen in Onder Professoren darbrachte. Wer ist schon Nobelpreisträger, dass er sich von all dem nicht beeindrucken lassen muss.
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Arndt Sorge is emeritus professor at the Universität Potsdam, Germany. Before that, he was director of the Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, also in Germany, professor at the University of Groningen, the Netherlands, professor at the Humboldt Universität zu Berlin, Germany, and held academic positions at various other universities in Germany and the United Kingdom.
